Das System Billig

Der Kampf um die Kunden ist hart.  Die Supermarktbranche mit ihren Discountern und Edelläden ringt um jeden Kunden. Um maximalen Gewinn zu leisten, wird massiver Druck auf die  Mitarbeiter ausgeübt.

Beispielsweise bei Netto. In der taz: „Es gibt Tage, da kann Joachim Schulz nicht mehr. Der Mann, der aus Angst, arbeitslos zu werden, seinen richtigen Namen nicht nennen will, hat im zurückliegenden Jahr mehr als 1.000 Überstunden geleistet. Unbezahlte Überstunden. „Ich arbeite jeden Tag mindestens 12 Stunden“, sagt Schulz, der für einen Discountmarkt in einer Stadt in Sachsen-Anhalt verantwortlich ist. „Es gibt 13-, 14-, 15-Stunden-Tage, teilweise von 5 bis 21.30 Uhr.“ „Sittenwidrig“ und „kriminell“ sei es, wie sein Arbeitgeber mit seinen Mitarbeitern umgehe.“  Netto gehört neben Aldi und Lidl mittlerweile zu den größten Discountern Deutschlands, nach der Übernahme von Plus. Überstunden gehören zum System. Unbezahlt natürlich. Unbezahlte Überstunden einzukalkulieren verstößt zwar gegen das Gesetz, doch es rechnet sich: mit den Überstunden zusammen kommt man auf eine Stundenlohn von 4-5 Euro, und damit nur etwa die Hälfte von dem, was im Vertrag steht. Gewerkschafter zählen Netto deswegen zu den „schlimmsten“ Arbeitgebern der Branche. Auch Lidl, Penny und Co. machen so das große Geschäft.   Ein anderer Mann berichtet von bis zu 80 Stunden/Woche, 10-12 pro Tag.  Mitarbeiter der Zentrale täuschen regelmäßig (verkleidet) verschieden Situationen vor, zum Beispiel Diebstähle. Dabei wird das Verhalten der unwissenden Mitarbeiter in solchen Situationen geprüft. Für Gewerkschaften wie ver.di ist es eher eine Methode, unliebsame Mitarbeiter loszuwerden.

Das war 2009. Und jetzt? 2011 berichtete der Spiegel über Dumpinglöhne von teilweise nur 5,50 + 1 € Zulage- damit seien alle Ansprüche also auch Urlaubsgelder und ähnliches abgegolten.  2012 zeigt das ZDF-Magazin Frontal 21, wie Azubis gnadenlos ausgebeutet werden. Azubis wie der 25-Jährige Dennis Schoormann  können bei weitem nicht von den Netto-Löhnen leben. Deswegen hat er die einzige Lösung parat: mehrere Stunden morgens Zeitungsaustragen, nachmittags Rasenmähen gegen Geld. Mit 60 Stunden Arbeit in der Woche und vielen Nebenjobs kann er sich gerade so über Wasser halten. Überstunden sind auch hier üblich, hinter dem Deckmantel der Ausbildung steht knallharte Billiglohnarbeit.  Im Fall Dennis Schoormann hinderte man ihn sogar am Besuch der Berufsschule.

„Einsparpotentiale erkennen und ausschöpfen!“

Geringfügig Beschäftigte und Azubis sollen zuerst für die Wochenplanung eingeteilt werden. Danach erst die Teilzeit/Vollzeit-Kräfte. Heißt: zu den Zeiten, zu denen die normalen Mitarbeiter nicht kommen wollen, werden die Azubis eingesetzt. Die Priorität ist klar: lieber die billigen Azubis und GFBs einsetzen, als die normalen Arbeiter. Netto gibt sich gegenüber dem Magazin ahnungslos, bittet sogar um Kopien der Frontal 21 vorliegenden Dokumente

Datenkrake Discounter

2008 jagt ein Skandal den anderen. Der stern enthüllt, dass LIDL Mitarbeiter systematisch ausspionierte. Es geht um Privates.  Doch auch Aldi, Penny, Rewe, Edeka, Norma und Netto (neben vielen anderen) spionierten ihre Mitarbeiter aus. Es geht um Eheprobleme, Lebensstil (z.B. Raucher), um alles. Aldi Süd installierte versteckte Kameras in Brandmeldern. Gewerkschaftsbildung wurde überwacht, die Anführer ausgespäht, um irgendwas zu finden, das gegen sie verwendet werden konnte.

Einschüchterung der Presse

2004 wollte eine Aldi-Filiale in München einen Betriebsrat gründen- damals der erste bei Aldi Süd. Die  Süddeutsche Zeitung berichtete über die Reaktion des Konzerns: Mobbing, Einschüchterung, Behinderung der Betriebsratswahlen. Gewerkschaften-Nein Danke. Und: Kritische Berichterstattung?-Nein Danke. Aldi strich prompt seine Anzeigen in der SZ- ein Schritt, der das Magazin 1,5 Millionen Euro kostete.Bild

Aldi brutal

2008 berichtete das Handelsblatt über extrem hohen Druck, der auf die Aldi-Mitarbeiter ausgeübt werden.  Bereichsleiter- das sei einer der härtesten Jobs im Unternehmen.

„In wenigen Monaten musste er Aldis Warenwirtschaft, Buchhaltung und Personalführung beherrschen und als Anfänger selbstständig eine Filiale führen. Er arbeitete 16 Stunden täglich und verlor acht Kilogramm seines Körpergewichts. Viele andere gaben auf. Die Position Bereichsleiter ist ein Durchlauferhitzer. „Wer nach zwei Jahren noch nicht befördert ist, wurde entweder gefeuert, ist selbst gegangen oder am Herzinfarkt gestorben.“

Jeder Ablauf sei genau festgelegt, auch in das Privatleben der Mitarbeiter werde eingegriffen.

„Bärte sind verpönt. Wer einen trägt, wird entweder gar nicht erst eingestellt oder diskret gebeten, ihn abzunehmen. Erscheint jemand schlecht rasiert zu einem Bereichsleitertreffen, muss er sich auf eine Standpauke vor versammelter Mannschaft gefasst machen. Für Bereichsleiterinnen gilt: keine rot lackierten Nägel.“

Wer sich dem System Aldi fügt, wird belohnt. Der Druck ist hoch: die Bereichsleiter, die Kontrolleure, werden ihrerseits kontrolliert.

„Mindestens 30 Artikel pro Minute muss eine Kassiererin über die Scannerkassen schleusen. Sind es weniger, „ist sie weg vom Tisch“, sagt Behringer.“

An die Vergötterung von Steve Jobs erinnern Aldis Praktiken:

Während eines Führungskräfteseminars durfte Ingo Behringer zum ersten Mal seinem scheuen obersten Dienstherren ins Antlitz schauen – wenngleich nur für ein paar Sekunden, projiziert auf eine Leinwand: Karl Albrecht mit dem Anflug eines Lächelns auf den Lippen, in dunklem Anzug vor dem Modell eines Aldi-Lagerhauses stehend. Ein Geschäftsführer nahm Behringer nach dem Diavortrag zur Seite: „Um dieses Foto überhaupt sehen zu dürfen“, verriet er ihm, „muss man in diesem Unternehmen etwas bewiesen haben.“

Die Zeitung berichtete auch über das Ausland: Aldi verdrängt mit Tiefstpreisen und aus dem Boden schießenden Märkten lokale Unternehmen, in Burgund streiken Mitarbeiter eines Aldilagers wegen schlechter Arbeitsbedingungen.

2012 gehen die Vorwürfe gegen ALDI SÜD weiter: Vor und Nach der Arbeit werden Überstunden verlangt, diese gleichen das überdurchschnittliche Lohnniveau während der normalen Zeit aus.  Im September 2011 mussten sich wieder engagierte Mitarbeiter, die sich für einen Betriebsrat eingesetzt hatten, Schikane gefallen lassen: sie seien durch „auffällig viele Testkäufe, konstruierte Beschuldigungen und Abmahnungen unter Druck gesetzt worden“

Der Betriebsrat besteht heute-allerdings aus ALDI-loyalen Filialleitern. Auch die Praxis der Betriebsratswahlmanipulation durch Vorgesetzte sei noch üblich.

Bei ALDI NORD sind andere Methoden an der Tagesordnung: ver.di Betriebsräte werden rausgedrängt, die Arbeitgeber-freundliche AUB übernimmt. Die AUB soll die Arbeitnehmer vertreten und doch erhielt sie Geld von ALDI NORD. Wieder wurden BR-Wahlen manipuliert, ver.di Sympathisanten wurde unverhohlen gedroht

„Wer die Falschen wählt, muss mit weniger Geld rechnen“

Im Mai 2012 ging ein Ex-Aldi-Manager an die Öffentlichkeit. Insiderinformationen über die rabiaten Mittel des Konzerns

Straub: Gleich zu Beginn hatte ich starke Zweifel. An meinem zweiten Arbeitstag war ich dabei, als ein langjähriger Mitarbeiter entlassen wurde. Da habe ich erstmals erlebt, wie solche sogenannten Trennungsgespräche laufen: Es wird eine Drucksituation aufgebaut, zwei oder drei Leute von Aldi überhäufen den Betroffenen mit Vorwürfen. Er wird stundenlang erpresst, bedroht und weichgekocht, bis er nicht mehr kann. Das regelmäßige Ende solcher Gespräche ist ein Aufhebungsvertrag.“

„Straub: Es gab Testkäufe durch verdeckte Aldi-Kontrolleure, um die Arbeitsqualität an der Kasse festzustellen. Es werden etwa Waren im Wagen versteckt platziert, um zu sehen, ob die Kassierer aufmerksam sind. Diese Testkäufe finden exzessiv statt, und es wird auch manipuliert. Fast jeder Verkäufer bekommt auf diese Weise Abmahnungen, die später bei einem Rauswurf helfen können. Man konnte bei Detektiven auch extra schwierige Testkäufe für bestimmte Mitarbeiter bestellen.“

„Straub: Betriebsräte sind bei Aldi Süd absolut verpönt. In meiner Region gab es keinen Betriebsrat. Das Management machte klar: Wir wollen uns von niemandem reinreden lassen.“

„Straub: Azubis, Verkäufer, Filialleiter und sogar Bereichsleiter sind kleine, austauschbare Lichter, die nur dazu da sind, das System auszuführen. Die Einarbeitung geht schnell, denn die Tätigkeiten sind standardisiert. Erst ab der Ebene der Prokuristen und Geschäftsführer gibt es weniger Fluktuation. Diese Leute sorgen dafür, dass es läuft. Sie sind die Wächter des Systems.“

„Wen man nicht sofort loswerden kann, der wird mit Schikanen und Mobbing mürbe gemacht. Aldi duldet keine Kritik.“

Über die Reaktionen auf die Veröffentlichung

„…Bekam ich einen eigenartigen Anruf mit unterdrückter Nummer. Eine männliche Stimme sagte: „Halt bloß die Klappe. Das wirst du uns noch büßen.“ Dann wurde aufgelegt.“

„Das Unternehmen Aldi wird sich nicht ändern, Sie müssen sich ändern.“

Auch bei Schlecker ist Einschüchterung Teil des Systems: Stundenlang beobachten Detektive und Security-Leute die Mitarbeiter durch Lochwände. Auch bei Schlecker Österreich ist der Druck enorm. Die Regelungen zur Arbeitszeit würden nicht eingehalten, jeder dritte Befragte gab an, regelmäßig mehr Stunden zu arbeiten als vereinbart. Das System Schlecker beruht auf rücksichtslosem sparen: So tätigen Mitarbeiter völlig unnötige Bestellungen, um Verkaufsziele zu erreichen. Da das Diensttelefon gesperrt sei, würden berufliche Gespräche über das Privathandy geführt. Auch die geringe Personalbesetzung dürfe dazu geführt haben, dass die Hälfte der Befragten auf die Frage „Fühlen Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz sicher?“ mit einem klaren Nein antwortete.

IM NÄCHSTEN TEIL VON „DAS SYSTEM BILLIG“: WIE LIDL, KIK UND CO. HERSTELLEN LASSEN

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