Nestlé: Weltkonzern mit Schattenseiten (2)

Aus Wasser wird Milch-auf dem Weg zum Babykiller 2.0

stevendepolo

Bis heute reißen Skandale nicht ab. In den 90ern wurde bekannt, dass Nestlé Gentechnik in seinen Produkten nutzt(e).

Sklavenarbeit

Schokolade schmeckt bitter und blutig, wenn man weiß, dass Kinderarbeit in der Herstellung dazu gehört. 2010 berichtete die Doku „Schmutzige Schokolade“ von Miki Mistraki über die Zustände auf Afrikas Kakaoplantagen, wo sogar 12-Jährige arbeiten. Zumindest „dulden“ würden Nestlé, Kraft und Co. Kinderarbeit noch. 2012 dann fuhr Mistraki noch einmal nach Westafrika, um mit einem Kollegen die Zustände zu untersuchen (ausführliche Berichterstattung auf Sauraandlimon)

Nespresso- eine der teuersten Kaffeemarken. George Clooney ist das Werbegesicht für Nestlés Kaffeesparte. Doch in einem Fake-Werbespot einer Schweizer Organisation bekommt er einiges ab: während er an der Straße wie in der Werbung entlangläuft, fällt das Nespresso-Schild auf ihn und traktiert Clooney mit Schlägen. Der Sprecher sagt „Sorry George. Aber so fühlt es sich an, wenn man als Kaffeearbeiter ausgebeutet wird“. Die Aktion wirbt darum, dass Nespresso Fairtrade wird- dann wäre der Preis gerechtfertigt.

Give the Orang- Utan a break“fordert Greenpeace 2010. Die Gruppe macht Vevey für die Rodung der indonesischen Regenwälder verantwortlich. Da, wo früher einmal der vom Aussterben bedrohte Regenwald war, sind kilometerweit sumpfige Palmölplantagen. Das Öl ist in ca. 50% aller Supermarkt-Produkte enthalten. Der Lieferant für Nestlés Kit-Kat-Riegel ist für Rodungen und Vertreibungen verantwortlich.

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass für unsere Produkte kein Regenwald zerstört wird. Daher

haben wir die Vorwürfe, die gegen einen Lieferanten erhoben wurden, sehr ernst genommen und entsprechend

gehandelt.“ Nestlé Statement, 7.10.2010

Später löste Nestlé den Vertrag auf, doch indirekt bezieht die Firma weiterhin aus problematischen Quellen Palmöl.

Der Trend geht zur Flasche. Zur Wasserflasche. Leitungswasser wird out. Das zumindest wünscht sich Nestlé. Denn die Firma ist Nr. 1 bei Flaschenwasser weltweit.

San Pellegrino, Fürst Bismarck, Perrier, Vittel, Aqua Panna, Pure Life: Nestlé ist ein Wasser-Gigant

Was Nestlé vor 30-40 Jahren mit der Flasche fürs Kind machte, tut Vevey nun mit Flaschenwasser: er macht die Flasche zum Statussymbol. Hört sich seltsam an? In Asien zum Beispiel gilt die Wasserflasche als Symbol von Reichtum und Gesundheitsbewusstsein. Die Flaschenindustrie (Top 4: Nestlé, Danone, Coca-Cola, PepsiCo)startete eine gigantische Kampagne gegen den billigsten aller Durstlöscher, das Tafelwasser.

bl_brabeck_speech Konzernchef Brabeck in Bottled Life

Die eine Anschauung, extrem, würd ich sagen, wird von einigen von den NGO´s vertreten, die darauf pochen, dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird. Das heißt, als Mensch sollten sie einfach Recht haben, um Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung. Und die andere, die sagt, Wasser ist ein Lebensmittel, so wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben.“ Peter Brabeck, Nestlé-CEO

Ein Griff ins (hoffentlich noch nicht privatisierte) Klo. Denn Brabeck stützt damit genau das Bild des rücksichtslosen Multis. Oder, wie es die ehemalige UN-Sonderbeauftragte für das Menschenrecht auf Wasser, Maude Barlow, einmal sagte, eines „Wasserjägers“. Tatsächlich ist Wasser in Flaschen nicht mehr als einer der unsinnigsten Trends der letzten Jahre. Knapp zwei Euro kosten 1000 Liter Leitungswasser, und dieses ist in Deutschland ja hochqualitativ. In Ländern der Dritten Welt mag das „Hahnenwasser“ die schlechtere Wahl sein, aber hier in Europa bräuchte keiner ein Produkt, das mehrere Tausend mal (!) so teuer ist wie das, was aus der Leitung fließt. Dem Schweizer Konzern allerdings kommt tatsächlich die Rolle eines Jägers zu: zusammen mit anderen Firmen privatisiert Nestlé weltweit öffentliche Wasserquellen. Viele sagen, Wasser sei das neue Öl, nicht nur wegen der Knappheit, sondern auch als Kriegsgrund der Zukunft. Problem ist, dass es keine Alternative gibt zu Wasser, und so sind die Konfliktlinien der Zukunft klar: multinationale Unternehmen haben den Großteil der Wasservorkommen privatisiert oder leergepumpt, um das Lebenselixier zu astronomischen Preisen zu verkaufen; und den normalen Menschen fehlt der Zugang zum Wasser. Bereits jetzt erkennen wir solche Probleme, zum Beispiel in Indien: dort pumpt Coca-Cola gigantische Mengen Wasser ab für eine Abfüllfabrik, und was übrig bleibt, sind verseuchte Sumpfgebiete. Den Bauern wird mit dem Wasser auch die Lebensgrundlage entzogen. Bei der Wasserproblematik geht es nicht nur um Flaschen, sondern auch darum, dass Firmen wie VEOLIA die kommunale Versorgung ebenfalls privatisieren. Klamme Städte verkaufen Leitungswasser und Abwasserversorgung in der Hoffnung, die Geldlöcher stopfen zu können. Die aufgebrachte Bevölkerung wird beschwichtigt, doch hat die Firma erst mal die Kontrolle über das Wasser, dann werden die Preise drastisch erhöht. Die Angst davor, dass die Ärmeren dieser Welt vom lebenswichtigen Wasser abgeschnitten werden, ist also keineswegs unbegründet. Wieder mal ist Nestlé wegen seines Marketings in der Kritik.

Auch zeigt sich der Konzern von seiner hässlichsten Seite gegenüber den unabhängigen Gemeinden in Maine. Dort und überall im Land wird ständig eine Quelle von den Schweizern übernommen. Und will eine Stadt mal nicht mitmachen, wird sie von Nestlé schlichtweg zu Grunde geklagt.

In Kaliforniens schönem 1300-Seelen-Dorf unterwanderte die Firma im Geheimen die Gemeinschaft. Diskret schloss der Wasserjäger ein Vertrag ab, nach dem die Firma knapp 1,9 Milliarden Liter (!!!)Quellwasser jährlich abfüllen dürfe und zusätzlich unbegrenzten Zugang zum Grundwasser erhalte. Die Volksvertreter im Distrikt wurden über diesen Deal nicht informiert. Der Vertrag enthielt keinen Umweltschutzplan, eine Verletzung kalifornischer Gesetze. Die Bürgerinitiative gewann den Prozess, Nestlé die Berufung, und der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates befasste sich nicht mit dem Thema. Für eine Gallone (ca. 3,8 Liter) bezahlt Nestlé 0,000081 Dollar, und damit nur ein Drittel von dem Preis, den die Kalifornier für Leitungswasser bezahlen. Doch auch die Krake von Vevey musste nachgeben: der nicht limitierte Einsatz von Grundwasser wurde eliminiert, ein Umweltprogramm eingerichtet, etc.

2008 wurde bekannt, dass Nestlé nur noch (!) über 750 Millionen Liter jährlich wollte.

In Florida drohte die Firma der Stadtverwaltung mit einer Klage, wenn diese weiterhin die Qualität des öffentlichen Wassers bewerbe. In New England wurden verschiedene Gesetze zum Schutz der öffentlichen Wasserreserven erlassen, gegen die die International Bottled Water Association und Nestlé Waters North America mit Lobbyarbeit vorgingen. In Massachusetts wollte Nestlé einer Stadt die Grundwasserrechte abkaufen, obwohl die Stadt extra das Reservoir geschont hatte und de facto gar keine Rechte am Grundwasser besaß. Das Unternehmen wollte jeden Tag (!) um die 950 000 Liter verwenden.

In Maine gibt es so viel Wasser (Spitzname: das „Kuwait des US Wassers“), dass Nestlé jährlich um die 2,65 Milliarden Liter abpumpt. In Fryeburg baute Nestlé eine Abfüllanlage, dann wollten sie eine neue Station bauen und das Wasser nach Fryeburg pumpen. Zuerst sagte die Stadt ja, dann nahm sie ihre Entscheidung wegen der Nachteile (Lärm, Verkehr, Verschmutzung) zurück. Seitdem wurde Fryeburg von Nestlé fünfmal verklagt. Im Prozess argumentierten die Firmenanwälte, ihr Recht auf die Vergrößerung des Geschäfts sei wichtiger als die Kontrolle der Stadt. Die Klagewellen zielen auch auf das Geld ab: nach dem langen Rechtsstreit steckt die Bürgerinitiative mit 20000 Dollar tief in den Schulden. Mit einem Subpoena (dem Erzwingen einer Auskunft durch Strafandrohung vor Gericht) zwang Nestlé seine Gegner, ihre persönliche finanzielle Lage offenzulegen- eine Form der Einschüchterung.

bl_billboard_purelife_pak Nestlé-Werbung in Pakistan

Der Konzern sieht laut offiziellen Berichten Flaschenwasser als den schnellst wachsenden Markt der nächsten Jahre an. Während Nestlé Waters 2003 insgesamt um 9,1 % wuchs, waren es in Entwicklungsländern 13,6 %. Von 2000 bis 2003 vervierfachte sich der Konsum von Flaschenwasser in Ländern mit gutem Wassernetz. Zwar ist Pakistan ein kleiner, aber stetig wachsender Konsument der Wasserflaschen mit einem Verbrauch von 33 Millionen Litern 1999 und der doppelten Menge, 70 Millionen Litern, in 2003. Zwar gibt es viel Wasserfirmen, doch die meisten verschwinden, und vom Sommer (mit 70 Marken) abgesehen sind es meist um die dreißig. Doch de facto kontrolliert Nestlé mit seinen Produkten AVA, Fontalia und Pure Life allein mehr als 50% des Marktes! Für seine Marke Pure Life wurde das Grundwasser genommen, das in Pakistan im Gegensatz zu Quellwasser keinerlei staatlicher Überwachung unterliegt- gut für Nestlé. Und die Firma organisierte zusammen mit öffentlichen Beamten öffentliche Infoveranstaltungen, in denen gesagt wurde, sowohl die Flaschenwässer anderer Firmen als auch Leitungswasser seien unsicher. So drängte die Firma die Leute zum Kauf seiner Produkte. In die Kritik geriet die Firma auch, als sie ein Gebiet in Karatschi erweitern wollte. Dort stand die sogenannte „Education City“ mit vielen Bildungseinrichtungen. Aber Nestlé wollte dort nicht bilden, noch nicht mal sollten die Pakistaner das Wasser bekommen, nein, es sollte zur US Basis nach Kandahar (Afghanistan) gebracht werden. Die Behörden des Landes erklärten auch, dass sie womöglich die Verkaufslizenzen entziehen würden, da Nestlé die Auflagen nicht erfüllte. Doch weil die Regierung ebenso wenig wie Nestlé das Geschäft ruinieren wollte (schließlich verdient sie mit), wurde der Fall hinter verschlossenen Türen ad acta gelegt.

bl_praying_truckdriver Nestlé-Truck in Pakistan

Die Produktion von Pure Life entzieht dem Land so viel Grundwasser, dass die Vorräte sich gar nicht so schnell erneuern können. Dies führt zur Versalzung der Vorräte und anderen Qualitätsproblemen und zum Wassermangel. Umweltprobleme werden durch den fallenden Grundwasserpegel verursacht. Das fehlende Wasser wirkt sich auf die Lebensmittelproduktion aus und die Menschen müssen auf schmutziges Wasser umsteigen. Des weiteren verletzt Nestlé damit die Rechte der Menschen. Brunnen trocknen aus, die Pakistaner können sich oft keine neuen leisten. nestléadnestléad2 Nestlé-Werbespots (Ausschnitte)

Und in Chicago läuft gerade ein Prozess gegen das Marketing der Firma dort: Werbebilder, Verpackungen und Transporttrucks hatten schöne Bilder von eisbedeckten Bergen darauf, die Webseite ebenfalls, man bezeichnete das Wasser als „100 Prozent natürliches Quellwasser“ doch in Wirklichkeit war es nur abgefülltes Leitungswasser, wie es immer mehr verwendet wird.

In Pakistan kostet eine 1,5 Liter Flasche Pure Life ebenso viel wie eine Mahlzeit für vier Personen, und wenn die Vereinten Nationen von fünf Litern Wasser am Tag als nötigem Verbrauch ausgehen und man in einem vier-Personen-Haushalt leben würde, dann wäre allein die Wasserversorgung mit Pure Life teurer als das gesamte Einkommen, d.h., man müsste Schulden machen und auf alles andere verzichten, nur um Flaschenwasser zu finanzieren.

IMG_2655

Fakt ist, dass Nestlé mit seinem Marketing den Menschen Angst einjagt und ihnen natürliche Herkunft vorgaukelt, Kritik in Grund und Boden klagt, Menschen mit hohen Preisen und der weltweiten Jagd auf Wasserquellen den Zugang zu ebenjenem verwehrt. Des weiteren profitiert die Firma von Ausbeutung, Umweltzerstörung und unfairem Handel.

 

Bildquellen

1: Steven de Polo (Wasserflaschen)

2,3,4: Film Bottled Life (Brabeck, Werbeplakat, Truck)

5: Youtube-Screenshots (Nestlé-Werbespots)

6: vom Autor (Flaschen im Supermarkt)

Zum Weiterlesen…

https://sauraandlimon.wordpress.com/2012/09/06/filmtipp-bottled-life/

https://sauraandlimon.wordpress.com/2012/11/24/neste-weltkonzern-mit-schattenseiten/

https://sauraandlimon.wordpress.com/2012/12/22/schoko/

http://www.alliancesud.ch/en/policy/water/downloads/nestle-pakistan.pdf

http://documents.foodandwaterwatch.org/doc/Nestle-web.pdf

 

 

 

Advertisements