Die Guantanamo Story 5

Zwar werden die bekanntesten Haftanstalten Bagram, Abu Ghraib und Guantanamo vom US-Militär betrieben, doch nach dem elften September baute der Geheimdienst CIA ein globales Netzwerk aus geheimen Gefängnissen und Flugzeugen auf. Die in diesem Schattenreich erlaubten Methoden sind weitaus brutaler als in Guantanamo und Co.-außerdem war es üblich, Verdächtige zu „harschen“ Verhören in die Folterkeller von Diktatoren zu überstellen.

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In den Wochen nach dem elften September suchte die US-Regierung fieberhaft nach Wegen, Terroristen zu jagen und wichtige Erkenntnisse zu erhalten. So unwahrscheinlich es aus heutiger Sicht auch klingen mag, die US-Behörden erwarteten in den Herbstwochen 2001 praktisch täglich einen zweiten Anschlag. Nach 9/11 schien den Terroristen alles möglich zu sein. So griff die Central Intelligency Agency, der US-Nachrichtendienst, zu einer Praktik, die schon der Demokrat Clinton eingesetzt hatte: die „extraordinary rendition“, die außerordentliche Auslieferung.

Folter outsourced

In Amerika wird dies gerne als „torture by proxy“ bezeichnet, als „stellvertretende Folter“. Oder man sagt eben „Outsorcing von Folter“. Das trifft nämlich laut Kritikern genau zu. Diese Praxis bedeutet, dass amerikanische Agenten einen Gefangenen in ein Drittland bringen, wo er verhört wird. Das heißt: die USA erwischen einen Terroristen, fesseln ihn und fliegen ihn nun ins Ausland- bevorzugt nach Damaskus, Kairo und Marrakesch, sprich in weniger demokratische arabische Staaten. Die Fragenkataloge werden aus Langley (CIA Hauptquartier) und von Geheimdiensten der ganzen Welt geschickt, und dann stellen die Folterknechte von Gaddafi, Assad und Mubarak die Fragen. Das ist eine win-win-Situation: der Staat, der die Vernehmungen durchführt, kann sich der Unterstützung durch die USA sicher sein, und die CIA bekommt Informationen von Gefangenen,ohne sie auch nur einmal zu befragen. Allerdings ist diese Praxis auch als höchst unethisch bezeichnet worden, kooperiert man ja schließlich mit Diktatoren.

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Die höchst seltsame Welt

Für sein Buch „Im Schattenreich der CIA“ tauchte der britische Journalist Stephen Grey (übrigens: empfehlenswert tief ein in die Welt der Folterflüge. Denn das waren die Haupttransportmittel: weiße, unscheinbare Business-Jets, die in kleine Hangars warteten und schön hin und her flogen, man könnte meinen, ein Millionär habe zu viel Geld. Doch in Wirklichkeit sitzen in den Maschinen Männer in Overalls, mit Handschellen und Fußfesseln, Watte in den Augen. Eine Augenbinde noch, ein Sack über dem Kopf- und fertig. Nur noch schnell mit Klebeband fixieren.

Die CIA war es gewohnt, Flugzeuge im Krieg einzusetzen- während der Bombenteppiche über Südostasien im kalten Krieg operierte eine Reihe von Firmen unter dem Namen „Air America“. Doch ein offenes Geheimnis war das die Behörden, allen voran die CIA, die wahre Kontrolle hatten. Die Flugzeuge transportierten Flüchtlinge, Soldaten, Sondereinheiten, Verletzte. Nachtsichtgeräte und Versorgung. Mit Scheinfirmen versorgte die CIA Rebellen heimlich mit Waffen.

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Und in den Monaten nach dem Anschlag wurde immer wieder Gefangene in Nacht-und Nebel-Aktionen in Gulfstream-Jets geworfen und nach Kairo oder sonstwo ausgeflogen. Zwar kennt man die Auslieferung Krimineller weltweit als legitimes Mittel der Justiz, doch in diesen Fällen wurde die Person dann entweder ins Heimatland oder in das Land, in dem man als Verbrecher gesucht wird, gebracht. Was ja auch Sinn macht. Als die Bush-Administration im Zuge des Krieges gegen den Terror die Methode einsetzte, verschleppte man die Gefangenen allerdings zumeist in Länder, die für brutalste Folter bekannt sind.

Welcome to the black sites

Viele Informationen erhoffte man sich von Abu Zubaydah, den man 2002 in Pakistan festnahm. Nach anfänglicher Kooperation redete er nicht mehr, daher entwickelte die CIA ein laut Top Secret-Dokument „sicheren, effektiven und legalen“Vernehmungsplan. Ein anderes Dokument zeigt ein Trainingsformular für das Wasserbrett- die wohl bekannteste Foltermethode. Beim waterboarding wird der Gefangene an ein Brett geschnallt, sein Mund wird mit einem Lappen bedeckt und Wasser wird draufgegossen. Der Häftling glaubt, zu ersticken, doch durch die schräge Lage kann er nicht sterben. Doch das Todesgefühl und der Würgereflex bleiben.

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Ein Memo vom OLC, dem Beratungsbüro für Rechtsangelegenheiten der Regierung, an die CIA, datiert auf den 30. November 2004, beschreibt detailliert die Vorgänge im CIA-Schattenreich. Nach einem medizinischen Check werden dem Gefangenen Fesseln angelegt, Hörschutz, Augenbinde, Kapuze. Dann wird er geflogen. Bei der Ankunft wird er nackt fotografiert. Die Prozeduren, denen er unterzogen wird, seien „präzise, still, und fast klinisch“. Kopf und Gesicht werden rasiert.

Dann geht es um die Vernehmungen. Zum Beispiel seien Haftumstände keine Verhörmethoden, aber sie würden einen zu vernehmenden Häftling beeinflussen. Zum Beispiel sollen weiße (undefinierbare) Geräusche und laute Musik durch ständiges Spielen Kommunikation mit Mithäftlingen unterbinden und den Internierten über sein Umfeld im Unklaren zu lassen.

Nun werden Verhörmethoden aufgezählt: Nacktheit; Schlafentzug durch Fesseln; Nahrung nur 1500 Kalorien am Tag. Dann zählt der Bericht auf, wie man den Gefangenen körperlich behandeln kann: Schläge – ins Gesicht, auf den Bauch- und am Kragen packen. Dann kommt die Kategorie der Zwangstechniken: „walling“- den Inhaftierten gegen die Wand schleudern, Übergießen mit Wasser, erzwungenes Verharren in schmerzhaften Körperhaltungen. Auch könne man den mutmaßlichen Terroristen zwingen, bis zu Erschöpfung an der Wand zu stehen und sie acht bzw. zwei Stunden in eine große bzw. kleine Kiste sperren. Ein Papier aus 2003, unterzeichnet vom damaligen CIA-Chef George Tenet, bezeichnet Nahrungsentzug, laute Musik/Geräusche, Schlafentzug, Windeln und Einzelhaft als Standardtechniken. In Kisten sperren, langer Schlafentzug, langes Tragen von Windeln, Schläge und Griffe, Stresspositionen, walling, der Einsatz von harmlosen Insekten und waterboarding zähle zu den genehmigten Methoden.

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Ein drittes Papier beschreibt die geplanten Vernehmungsmittel bei Abu Zubaydah: Gesicht festhalten, Schläge auf Bauch und ins Gesicht, Waterboarding, Einsperren in eine enge Kiste mit Insekt, um Zubaydahs Angst vor Insekten auszunutzen. Auch soll er gegen die Wand geschmettert werden, es gehe bei dieser Taktik allerdings nicht um Schmerz, sondern um den Knall und die Angst. In der großen Box könne der Häftling stehen und sitzen und würde bis zu achtzehn Stunden eingesperrt werden, der kleine Käfig sei groß genug, um zu sitzen, darin müsse er zwei Stunden bleiben. Zubaydah soll für bis zu elf Tage am Stück wachgehalten werden.Er soll in Stresspositionen und an der Wand stehen. Bevor allerdings dieser präzise Verhörplan stand, beauftragte die CIA Psychologen der Air Force mit einer Studie über die Möglichkeit, die Resistenz der Al-Qaida Mitglieder zu brechen.

Der Fall SERE- Parabel des Krieges gegen den Terror

Die Männer hatte Erfahrungen mit dem SERE-Programm. Dieses ist ein gutes Beispiel dafür, wie nach 9/11 alle Regeln umgekehrt wurden. SERE (Survival, Evasion, Resistance, Escape) ist ein Trainingsprogramm, das US-Soldaten darauf vorbereiten soll, in feindliche Hände zu geraten. In SERE werden sie gefoltert, um im Ernstfall Misshandlungen zu widerstehen. So werden die jungen GIs Waterboarding unterzogen. Doch schon im Programm gingen die Aufseher zu weit. Nach den Erlebnissen im Ersten Golfkrieg wurden auch sexuelle Übergriffe zu den Methoden hinzugefügt, und so wurden zwei Dutzend Soldaten brutal genötigt. Und nach dem elften September wurden die SERE-Methoden auch an alQaida-Gefangenen angewendet. Mit anderen Worten:

EIN TRAINING, DAS US-SOLDATEN VOR FOLTER SCHÜTZEN SOLLTE, WURDE ALS HANDBUCH FÜR CIA-VERHÖRE ZWECKENTFREMDET

Zubaydahs Verhör II

Ein Air Force- Psychologe namens James kam also in der CIA-Einrichtung an und übernahm die Kontrolle über die Befragungen, wie der anwesende FBI-Agent berichtete. Boris befahl, Zubaydah auszuziehen. Er wurde 24 Stunden vom Schlafen abgehalten und den ganzen Tag mit Rockmusik in ohrenbetäubender Lautstärke bombardiert. Ein einzelner Song in der Endlosschleife. Selbst im Überwachungsraum sei einem schlecht geworden, sagt Soufan. Für eine Scheinbeerdigung wurde eine große Kiste angefordert.

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Zubaydah war auch der erste Gefangene, der nach 9/11 (die Methode wurde bereits im Vietnamkrieg angewendet) dem Waterboarding unterzogen wurde, insgesamt 83 Mal.

Er selbst berichtete davon, tagelang nackt an ein Bett oder einen Stuhl gefesselt zu werden. Man knallte ihn gegen eine Wand, hielt ihn in kalten Zellen und kleinen Holzkisten.

KSM

Auch Khalid Scheich Mohammed „KSM“, der mutmaßliche Chefplaner von 9/11 wurde gezwungen, zwei Stunden auf Zehenspitzen zu stehen. Man schlug ihn und kippte 40 Minuten lang kaltes Wasser über ihn. Über einen Schlauch führte man Wasser in seinen Anus ein. Walid bin Attash musste in einer Stehposition mit Händen an einer Metallstange an der Decke festgekettet stehen. Er war in einer dunklen Zelle und wurde wochenlang 24 Stunden mit Musik beschallt. Wie alle anderen Häftlinge der CIA gab man ihm nur Flüssigkraftnahrung („Ensure“) und Wasser. Man zwang ihn, eine Windel zu tragen, die nicht erneuert wurde. Man nahm ihm seine Prothese ab, um die Stehposition zu verstärken. Man spritzte ihm mit kaltem Wasser ab.

Falsche Argumente

Waterboarding ist das Symbol schlechthin für Amerikas Krieg gegen den Terror- zusammen mit Guantánamo und den Fotos aus Abu Ghraib. Die ehemaligen US-Verantwortlichen verteidigen sich gerne damit, das Waterboarding nur an drei Personen benutzt wurde. Das stimmt zwar, betrachtet aber nicht, wie oft die Methode angewendet wurde. Wenn man von Khalid Sheikh Mohammed redet, kann man sagen, es ist nur eine Person. Allerdings wurde „KSM“ 183 mal Waterboarding unterzogen-in einem Monat. Im Durchschnitt sechs Mal täglich. Zubaydah wurde 83-Mal mit der Technik gefoltert. Und das sagen uns die Ex-Politiker nicht.

Das Rote Kreuz bestätigt es

Eine Untersuchung des Roten Kreuzes von 2007 über die Behandlung von 14 HVDs; „Hochwertgefangenen“, also Verdächtigen, die viel wussten, bestätigt Folter. Die Gefangenen wurden in mehreren Ländern gefangen gehalten. Während der Zeit im CIA-Spezialprogramm- in dem die HVDs von 16 Monaten bis hin zu viereinhalb Jahren waren- wurden sie (fast) ausschließlich in Einzelhaft inhaftiert. Man sagte ihnen nicht, wo sie sich befanden, sie hatten nur Kontakt zu Wachen und Vernehmern, und auch die waren teilweise maskiert. Sie wurden von der Außenwelt abgeschnitten, man erlaubte ihnen nicht mal Telefonate oder ihre Familien zu informieren- sie wurden zu Vermissten. Sie waren Opfer vom „Verschwindenlassen“, d.h. Dass Personen einfach verschleppt und an geheimen Orten festgehalten werden. In einigen Fällen wurde sogar abgestritten, dass sie sich in US-Gewahrsam befinden. Solche Gefangenen wurden von Soldaten und Agenten als „Ghosts“ bezeichnet- Geisterhäftlinge, die es offiziell gar nicht gab. Das Rote Kreuz sagt, allein diese Umstände entsprechen Misshandlung. Der Bericht zählt auch die brutalen Verhörmethoden: Waterboarding, nackt in Stresspositionen stehen, Gegen die Wand schmettern mit einer Leine um den Hals, Schläge und Tritte; Einsperren in einer Kiste; erzwungene Nacktheit wochen- bis monatelang; Schlafentzug; Übergießen mit Wasser und andere Kälteschocks; überlanges Fesseln; Zwangsrasur; Folterdrohungen; Entzug oder Einschränkung von festem Essen (ersetzt durch Proteinflüssigkeit) bis zu einem Monat.

ciabs2                                             CIA Geheimgefängnisse (v.l.n.r): Stare Kiejkuty/Polen, Bukarest/Rumänien, „The Salt Pit/Afghanistan, Vilnius/Litauen

Europas schmutziges Geheimnis

Die Amerikaner gingen also nicht glimpflich um mit ihren Gefangenen. Doch wie gesagt, sie flogen Terroristen auch in Diktaturen, um sie dort befragen zu lassen. Mit anderen war KSM in Jordanien. Andere Gefangene waren in Far Filastin, dem Folterkeller des syrischen Diktators Bashar al-Assad. Dort waren sie in einer Kellerzelle, es war eng, schmutzig, dunkel, muffig. Ratten huschten über den Boden. Sie wurden monatelang dort gehalten. Man schlug sie mit Elektrokabeln, schnallte sie auf einen Stuhl. Dieser Stuhl konnte so verstellt werden, dass man sich die Rippen brach. Angeblich war er von der DDR-Geheimpolizei Stasi übernommen worden.

Der Australier Mamoudh Habib besaß einst ein Café in Sidney, doch nach 2001 wurde er in Pakistan festgenommmen. Offenbar hatte er Verbindungen zu militanten Gruppen. Amerikanische Agenten mit Masken zogen ihn aus, fotografierten ihn, fesselten ihn und stülpten ihm einen Tüte über den Kopf. Er wurde nach Kairo geflogen, wo ein halbes Jahr Folter auf ihn wartete. Habib wurde geschlagen und in einem Raum gebracht, der nach und nach mit Wasser gefüllt wurden, bis es ihm unters Kinn reichte.

Abgeschoben in die Folter

Im Dezember 2001 schob Schweden zwei ägyptische Terrorverdächtige ab. Das hatte Folgen, da sie US-Beamten übergeben wurden. Sie wurden einer Leibesvisitationen unterzogen, vermummt, an Händen und Füßen gefesselt, in einen Overall gesteckt. Einem der beiden wurde ein Beruhigungsmittel verabreicht. Man brachte sie in das nicht angemeldete Gulfstream-Flugzeug und flog sie nach Ägypten. Ahmed Agiza und Mohammed al-Zery wurden also nach Ägypten verfrachtet, wo Verdächtige erst mal Monate verschwinden und verhört werden. Agiza war die ganze Haftzeit nackt und wurde mit Elektroschocks gefoltert.

ciaplanes                                                        N379P, nachweislich CIA-Maschine, in Glasgow/Schottland und Porto/Portugal

Binyam Mohamed wurde vorgeworfen, an der Planung eines Anschlags mit radioaktivem Material in den USA (sog, „schmutzige Bombe“) beteiligt sein. Er wurde 2002 auf dem Weg nach Europa in Karatschi/Pakistan festgenommen und die erste Zeit in pakistanischen Gefängnissen interniert. Der gebürtige Äthiopier wuchs in London und Washington auf, 2002 war er vierundzwanzig. Er entdeckte die Welt der Drogen und den Islam. Die Verbrechen an der muslimischen Bevölkerung Tschetscheniens gab ihm den Rest. Er wurde am 22.Juli 2002 nach Rabat in Marokko gebracht. Im dortigen Haftzentrum sagte man ihm, man werde ihn vergewaltigen. Maskierte Männer schlugen ihn brutal, er übergab sich. Er wurde achtzehn Monate, also eineinhalb Jahre, in Marokko inhaftiert, dann noch im US-Camp Bagram und in Guantanamo Bay. Einmal führten sie eine neue Methode ein: mit einem Skalpell ritzten ihm die Männer Brust und Geschlechtsteile auf. Kleine, entsetzlich schmerzhafte Schnitte, die von nun an monatlich wiederholt wurden.

Auch Deutsche Gefangene waren im weltweiten Netz der Geheimdienste inhaftiert. Khaled el Masri war im Multikulturhaus Neu-Ulm aktiv und damit angeblich in der radikalen Islamistenszene. Er wurde in Mazedonien aufgegriffen, nach Afghanistan gebracht. Die Verhöre wurden von Amerikanern geführt, die Afghanen leiteten das Gefängnis. Seine Zelle enthielt eine schmutzige Decke, Stoffeftzen und abgestandenes, gelbes Wasser. Das Essen verursachte Durchfall, und in Mazedonien schlug man ihn. Man vergewaltigte el-Masri und spritzte ihm Drogen. Er hörte auch Berichte aus einem anderen Gefängnis, dem Musikgefängnis bzw. dem dunklen Gefängnis („the dark prison“). Er schilderte übliche Methoden dort: Essensentzug,Anketten, Nacktheit, Schläge, Einsperren in einen kleinen Koffer, 24 Stunden laute Musik, Dunkelhaft. Angeblich führten die Amerikaner das Camp.

KSM verschwand in Jordanien. Er wurde auch ausgeliefert in das Foltersystem.

Syrien: die Doppelmoral des Westens

Wer sich von der Brutalität des syrischen Regimes überzeugen will, muss nur den Fernseher einschalten. Zehntausende Opfer forderte der blutige Krieg gegen die Demokratie. Europa und Amerika verurteilen die Gewalt. Seit letztem Jahr geht eine Welle der Ungnade gegen arabische Despoten um-Mubarak, Gaddafi, Assad. Doch früher, freilich, waren die USA freundlicher zu Diktatoren, auch weil sie Infos besorgten.

Wenn sie im Dezember 2002 Far Filastin, Syriens berüchtigster Kerker, besucht hätten, wären sie schockiert gewesen über das „Grab“ mit seinen winzigen Zellen. Sie werden in eine rattenverseuchte Zelle mit 90 cm Breite, 180cm Länge und 210cm Höhe gesteckt. Tag und Nacht die Schreie anderer Gefangener um sie herum. Präsident Bush, seines Zeichens Chef der Folteradministration in Amerika, kritisierte Syrien für Folter und Unterdrückung. Das US-Außenministerium ging 2003 davon aus, dass Foltermethoden wie Elektroschocks oder dem Heraußreissen von Fingernägeln aus. Man treibe Gefangenen Gegenstände in den Anus, zwänge sie in Autoreifen und schlüge sie, wenn sie an der Decke aufgehängt werden. Der kanadische IT-Experte Maher Arar wurde vom New Yorker Flughafen hierher verfrachtet. Er wird mit Stromkabeln geschlagen. Im Dezember 2002 ist er einer von sieben Häftlingen in Far Filastins „Grab“, die wohl mit Hilfe der USA in diese Hölle gelangten. Auch der Deutsche Mohammed Haydar Zammar sitzt hier und wird geschlagen, während deutsche Behörde zusammen mit Amerikanern die Fragenlisten schicken. Deutsche Ermittler „besuchen“ den Terrorverdächtigen im Schreckensknast.

Die Rolle Europas

Die CIA-Agenten und ihre Gulfstream-Jets waren bei der Verlegung von Häftlingen in ihre Schattenwelt von Folter und Verschwindenlassen auf die Hilfe Europas angewiesen. So wurde der Terrorist al-Nashiri zusammen mit anderen Top-Qaida-Leuten in Polen festgehalten. Dort wurde al-Nashiri bei Vernehmungen mit einer Waffe und einer Bohrmaschine bedroht. Hier wurde KSM in einem einzigen Monat 183-mal waterboarding unterzogen. In Rumänien existierte in einem Bukarester Behördenkeller eine blacksite. In Litauen betrieb der US-Geheimdienst ein Geheimgefängnis in einem ehemaligen Reiterhof, inklusive Zellen und Befragungsräumen.

307 CIA-Flüge analysierte die New York Times 2005 ergab, dass die Foltermaschinen in Europa gerne landeten. Mit 94 Stopps ist der Sieger klar: Deutschland. Gefolgt von England,Irland, Portugal und Spanien. Jamil Qasim Saeed Mohammed, Martin Mubanga, Abu al-Kassam Britel, Binyam Mohammed, Abdul Shaqawi und Hassan bin Attash wurden über Frankfurt transportiert, als Tankstopp beliebt war der schottische Flughafen Prestwick. Palma de Mallorca sowie Madeira in Portugal waren ebenfalls beliebt.

Kidnapping in Mailand

Abu Omar alias Osama Nasr war ein militanter Ägypter, ein möglicher Terrorist. Er hatte einen siebenjährigen Sohn und, ach ja, er verschwand für dreizehn Monate in Ägypten. Er wurde im Februar 2003 auf dem Weg zur Moschee in Mailand von einem weißen Minibus verfolgt. Irgendwann stiegen die Männer aus und verlangten seine Papiere. Er genoss als Mitglied einer in Ägypten verbotenen Islamistengruppe politisches Asyl. Die Männer zerrten ihn in den Wagen, wo sie ihm Heftpflaster auf den Mund klebten. Sie drohten Nasr mit dem Tod, falls er sich bewegen sollte. Nach fünf Stunden kamen sie auf dem US-Stützpunkt Aviano/Italien an, wo er unter Schlägen befragt wurde. Nach einem weiteren Stopp, vermutlich in Rom, kam er am Endziel Kairo an, wo über ein Jahr Misshandlungen auf ihn warteten. Er erlitt Gehörschäden durch den unerträglich lauten Lärm, der abgespielt wurde. Er wurde nacheinander in einen extrem heißen und einen eisig kalten Raum gesperrt. Nervenschäden und Inkontinenz waren die Folgen der Stromschläge, die man ihm verabreichte. Politisch ungewollt wurden Ermittlungen gegen CIA-Agenten gestartet. Denn was hier geschah, ist außergewöhnlich: amerikanische Geheimdienstler entführen mitten in Europa einfach so ohne Haftbefehl etc. einen Verdächtigen.

Hinten in Usbekistan

Usbekistan ist eine nicht-Demokratie des ganz alten Schlages: dort werden Kritiker noch am lebendigen Leibe gekocht (ja, wirklich!). In den Folterkellern des Landes werden die Insassen mit Knüppeln und Stühlen verprügelt. Man tritt sie und schlägt ihren Kopf gegen die Wand bis es blutet. Stromstöße, Erstickungen und Vergewaltigungen gehören wie das Heraußreißen von Fingernägeln zu einem Land, in dem tausende Regimegegner inhaftiert sind und der Islam als Gefahr gilt. Die Koalitionskräfte in Afghanistan, allen voran Großbritannien und die USA, überstellten ihre Gefangenen vom Hindukush genau hierhin. So wurden Gefangene aus dem US-Lager Bagram in Afghanistan, das seinerseits wegen zu Tode geschlagener Häftlinge auffiel, nach Taschkent gebracht. Und Craig Murray, der britische Botschafter, dem dies missfiel und der darüber berichtete? Gefeuert.

Das Programm der Verbringung Terrorverdächtiger nach Usbekistan ist einer der schmutzigsten, aber auch am wenigsten bekannten, Teile des Krieges gegen den Terror. Ein islamistischer, wenn auch friedfertiger, Dissident, wurde zu Tode gekocht. Verbrühungen, Wunden und das Fehlen der Fingernägel zeichneten seine Leiche

Die Welt der Lager

Verschleppungen nach Syrien, Marokko, Ägypten, Jordanien und Libyen. Ein Reiterhof in Litauen, eine Behördenzentrale in Rumänien, ein Geheimdienstgelände in Polen: die CIA unterhält ein weltweites Netz von blacksites, Geheimknästen. So in Afghanistan, im dunklen Gefängnis zum Beispiel. 2003 verstarb dort, im auch „The Salt Pit“ genannten Schattenkerker, ein Gefangener, nachdem er gefesselt und halbnackt in einen kalten Raum gebracht wurde. Auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean, die zu Großbritannien gehört, unterhielten die US-Behörden ein geheimes Internierungslager. Die Insel wird seit den Siebzigern von den USA betrieben. Ein seltsamer rumänischer Flughafen verzeichnete Landungen der Folterjets. In Thailand betrieb die CIA ein Camp auf einem ehemaligen Flughafen. Zusammen mit dem Mi6 arrangierte die CIA 2004 die Festnahme und Überstellung des heutigen Topmanns der libyschen Übergangsregierung. Er wurde am Flughafen Bangkok geschnappt und in der Nähe von CIA-Agenten gefoltert. Man spritzte ihm etwas, hängte ihn an die Wand und hielt in in einem eisigen Container. Durch Lärm wurde er vom Schlafen abgehalten. Er und seine Frau wurden während der Zeit in CIA-Haft in Thailand geschlagen. Am schlimmsten allerdings war es, dass die Amerikaner ihn danach nach Tripolis verfrachteten, und ihn damit seinem politischen Gegner, dem Diktator Gaddafi, zum Fraß vorwarfen. Dass er in Libyen gefoltert wurde und jahrelang hinter Gittern saß,ist dann ja wohl klar.

Das Folternetz

Die CIA entwickelte nach dem elften September ein weltweites Netz aus eigenen und ausländischen Gefängnissen, in die mutmaßliche Terroristen gebracht wurden. Zwar wurde die „rendition“ durch die CIA bereits 1995 vom demokratischen Präsident Clinton eingeführt. Aber damals wurden Verdächtige nur in Länder gebracht, in denen sie gesucht wurden, oder in den Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt. Im Sommer 1998 fand eine der größten Auslieferungen vor dem elften September statt. Damals wurden insgesamt fünf Ägypter in Albanien und Bulgarien estgenommen und auf einer Luftwaffenbasis befragt. Angeblich hatten sie einen Anschlag auf die US-Botschaft geplant und wurden dann nach Ägypten transportiert. Doch obwohl die sogenannte „ Tirana-Zelle“ zerschlagen und handlungsunfähig war, griffen die Ägypter noch mal durch: vier der fünf berichteten von Elektroschocks, zwei waren an den Händen an die Decke gehängt worden. Shawki Attiya musste stundenlang in schmutzigem Wasser stehen, der Mithäftling Ahmed al-Naggar sogar 35 Tage. Das Wasser ging ihnen bis zu den Knien. Dass die Auslieferung von Gefangenen an solche Länder problematisch sind, dürfte wohl klar sein. Doch im Krieg gegen den Terror war den USA alles genehm, so erhielt das Regime Mubarak in Ägypten zwei Milliarden Dollar Unterstützung von den USA. Und während die USA afghanische Häftlinge nach Usbekistan brachte, wo tausende politische Häftlinge eingekerkert und gefoltert werden, sprach der Außenminister der USA von Besserungen bei Menschenrechten und Demokratie. Amerika verteidigt sich gerne mit den „diplomatischen Zusicherungen“: der Empfängerstaat soll sich verpflichten, keine Folter anzuwenden. Allerdings war den CIA-Agenten klar, dass es sich hierbei nur um Theater handelte: erstens waren die US-Behörden eigentlich verpflichtet, das Folterrisiko anhand früherer Erfahrungen zu prüfen, und in Ägypten war die Wahrscheinlichkeit, dass Folter angewendet würde, gleich hundert Prozent, wie man aus dem Fall der Tirana-Zelle wusste. Zweitens ist es unmöglich, Misshandlungen zu verhindern in einem Land, in dem Folter an der Tagesordnung ist.

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Jede Maßnahme provoziert eine Reaktion. Und wenn die Vereinigten Staaten nun Gefangene verschleppen, jahrelang in geheimen Gefängnissen misshandeln oder sie Diktaturen ausliefern, dann wird auf aller Welt empörte Muslime in den Terrorismus treiben

Bildquellen:flightcrewmedicals.com;flickr.comflickriver.com;livingtheeuropeandream.blogspot.coandyworthington.co.uk;gawker.com;wikipedia.org;airliners.netpresstv.ir;boilingfrogspost.com; cryptome.org; blog.amnestyusa.org

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