Blutige Cola

Unsere Lieblingsmarken und Morde in Kolumbien

Kolumbien ist laut International Labor Rights Forum für Gewerkschafter der gefährlichste Ort auf der Welt. Zwischen 1991 und 2008, also in siebzehn Jahren sind laut der US-Gewerkschaftsvereinigung AFL-CIO in Kolumbien fast 2.300 Gewerkschafter ermordet worden. Das European Centre for Constitutional and Human Rights (ECCHR) spricht von 775 Morden allein seit 2002. Daneben gibt es noch andere, nicht minder schlimmere Verbrechen gegenüber Arbeiteraktivisten: bewaffnete Angriffe (16 Fälle in 2007), Todesdrohungen (201 Fälle in 2007), willkürliche Festnahme (14 Fälle in 2007), Entführungen (11 Fälle in 2007) und Absetzung (95 Fälle in 2007).

Diese Akte der Gewalt schränkt die Arbeitsmöglichkeiten der Gewerkschaften stark ein. Verantwortlich sind meist paramilitärische Einheiten und Gruppen, doch einige multinationale Unternehmen wie Nestlé, Coca-Cola oder Chiquita tragen eine Mitschuld.

Die paramilitärische Gruppe AUC wird vom US-Außenministerium als terroristische Organisation eingestuft. Trotzdem unterstützte der Fruchtkonzern Chiquita die AUC finanziell- von 1997 bis 2004.

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2009 erhob eine amerikanische Anwaltsvereinigung zusammen mit 73 Angehörigen von AUC-Opfern Klage. Ihre Geschichten sind ähnlich: AUC-Einheiten erscheinen am Arbeitsplatz und entführen oder erschießen den Betreffenden. Eine der Klägerinnen, deren Name anonym bleibt, verlor so ihren Bruder und ihren Mann. In der Nacht vom 6. Februar 2001, gegen Mitternacht, traten maskierte, bewaffnete Männer die Tür des Hauses ihres Mannes ein, plünderten Geld und Gegenstände und entführten ihren Mann, der auf einer Plantage des Fruchtkonzerns Dole arbeitete- wie alle anderen. Am fünften Juni 2000 kidnappten AUC-Teams zwei Mitarbeiter einer Dole-Plantage. Den einen ließen sie frei, der andere wurde zwei Tage später einige Kilometer von der Farm entfernt gefunden- tot, mit Schusswunden am Kopf.

Dole baut in Kolumbien auf einer Fläche von 34 Quadratkilometern-etwa so groß wie Wilhelmsburg, Stadtteil Hamburgs und größte Flussinsel Europas- Bananen an und bezieht zusätzlich Bananen von 68 „unabhängigen“ Farmen. Doch auch diese unterliegen strikten Vorgaben des kalifornischen Konzerns. Die Firma ist einer der größten Arbeitgeber des Landes und kontrolliert etwa ein Viertel des globalen Bananenmarkts. In Kolumbien wurden Paramilitärs lange Jahre durch die Regierung unterstützt.

In den Achtzigern und Neunzigern kontrollierten nicht minder brutale, linke Guerillagruppen wie die FARC das Hauptanbaugebiet der Bananen in Kolumbien. Dole begann daher bereits 1994, die AUC zu unterstützen, die die Linksterroristen verdrängte. So begann das Unternehmen, die AUC finanziell zu unterstützen. Im Gegenzug führte die Terrorgruppe einige „Sicherheitsaufgaben“ für Dole durch: linksgerichtete Rebellen vertreiben, für die Sicherheit der Dole-Arbeiter sorgen, Arbeiterrechtsbewegungen unterdrücken. Neben der AUC erhielt eine lokale, ähnliche Vereinigung eine Zeitlang etwa vierzig Dollar (umgerechnet) pro Hektar pro Jahr.

Die Drummond Company, ein Kohlekonzern aus Alabama, sah sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt: erst Anfang Februar wurde ein Geschäftspartner von Drummond für mitschuldig befunden an der Ermordung zweier Gewerkschafter 2001.

Blutige Cola

Die aufsehenerregendsten Fälle betreffen allerdings den Coca-Cola-Konzern, der täglich mehr als eine Milliarde Kunden bedient. Plakate klagen den Konzern an: sie zeigen Cola-Gläser, in denen Leichen schwimmen, Colaflaschen als Pistolen und Grabsteine auf Coke-Dosen. „Killercoke“ nennt man sie, „Null Ethik , Null Gerechtigkeit, Null Gesundheit“, heißt es oder „Undenkbar, Untrinkbar“. 2006 gehen wütende Studenten in den USA auf die Straße, Universitäten lösen millionenschwere Verträge auf. Die Vorwürfe betreffen Indien, wo der Konzern den Bauern vor Ort buchstäblich das Wasser abgräbt-und Kolumbien. Verschiedene NGOs nennen in ihrem Bericht „Dirty Profits“ („Schmutzige Profite“, siehe: „Die Geldmaschine“) Coca-Cola als ein Beispiel für unverantwortliches Unternehmertum.

Seit 1989 starben sieben Coke-Arbeiter in Kolumbien. Die Webseite des Konzerns benennt alle Standorte von Abfüllanlagen in Mexiko, Venezuela, Peru, Brasilien, Chile, Ecuador, Argentinien- aber nicht Kolumbien.

Das hat einen Grund: Mitarbeiter der Getränke- und Lebensmittelgewerkschaft SINALTRAINAL berichteten über Exzesse der Einschüchterung. Sie wurden bis in die Toiletten verfolgt, Paramilitärs sprühten Anti-Gewerkschafts-Drohungen an die Wände. Ein SINALTRAINAL-Mitglied beging Selbstmord.

Paramilitärische Gruppen hatten freien Zugang zu Fabriken, ihre Anführer erhielten Leitungsjobs bei Coca-Cola oder einem der Vertragspartner. Direktoren der Anlagen feuerten illegal Gewerkschafter, drohten mit der Zerschlagung der Arbeitergruppen.

SINALTRAINAL legte Mitte der Neunziger mehrfach neue Verträge vor, die Klauseln zum Arbeiterschutz hatten. Während die Chefs der betreffenden Firmen den Vorschlag besprachen, passierte einiges. Ein Gewerkschaftsmitglied namens Isidro Gil wurde vor den Toren der Fabrik erschossen, Todesdrohungen ausgesprochen. Das örtliche SINALTRAINAL-Büro wurde abgebrannt. Nachdem man so Arbeiter en masse zum Austreten aus der Gewerkschaft „überzeugen“ konnte, bezahlte die Firma Bebidas y Alimentos, ein Coke-Partner, die Paramilitärs- sie hatten schließlich gute Arbeit geleistet.

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In einer anderen Fabrik ein ähnliches Bild: Arbeiteraktivisten werden falsch beschuldigt, geschlagen, eingesperrt-grundlos. Auch hier: Drohungen und offene Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen.

Coca-Cola betreibt die Fabriken zwar nicht selbst, doch hat als einzige Lieferant UND einziger Kunde die größtmögliche Kontrolle.

Auch unser Lieblingsmulti Nestlé steht in der Kritik. Nach einem angeblichen Streik in einer Fabrik der Nestlé-Firma CICOLAC wurden mehrere Gewerkschaftsmitglieder entlassen, die Gewerkschaft de facto zerschlagen. Dieser Streik war laut MultiWatch (einer Schweizer NGO) kein Streik, doch da leitende Mitarbeiter der verantwortlichen Behörden frühere Nestlé-Mitarbeiter waren, sehen diese das anders.

Luciano Romero war einer der acht damals entlassen Arbeiter. Am 29.10.2005 wollte der Gewerkschafter Romero über seine Erfahrungen mit Nestlé sprechen- für diesen Tag war eine Konferenz der Gruppe MultiWatch zum Thema angesetzt. Doch er wurde am 11. September 2005 lag er tot auf einer kolumbianischen Wiese- mit fünfzig Messerstichen qualvoll ermordet. Ein Anführer der Paramilitärs nannte CICOLAC einen Geldgeber der Vereinigungen.

Bildquellen:

Spnyc.org

ens-newswire.com

greenleft.org.au

henican.com

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