CSI: Miami

INAUGURAL CEREMONY

 

Bush jr. bei Inauguration am 20. Januar 2001

Es war ein kalter, düsterer Morgen in Washington D.C. Um die zwei Grad Celsius. Es regnete leicht, und es war neblig. Es war sein größter Tag. „I, George Walker Bush, do solemnly swear that I will faithfully execute the office of the President of the United States”. Wie zweiundvierzig Männer vor ihm schwört der grauhaarige Mann auf die Verfassung der USA. Bush, am 6. Juli 1946 in Texas geboren, war die Politik in die Wiege gelegt. Papa George senior war schließlich der Vorvorgänger. Doch diesmal ist etwas anders: tausende sind trotz des tristen Wetters gekommen, um Bush junior ins Gesicht zu schreien, um ihm klarzumachen, dass er nicht ihr Präsident ist. Sie zweifeln keine Sekunde daran, dass der Demokrat Al Gore die Wahl eigentlich gewonnen hat- und Bush sie ihm gestohlen.

Es war eine seltsame Wahl, sehr umstritten, und sie erschütterte das Vertrauen in die amerikanische Demokratie. Am 7. November 2000 gingen in den USA die Menschen zur Wahl- also die, die durften.

Votantes Desaparecidos

Beim Wahlkrimi 2000 ging es am Schluss nur noch um den Staat Florida und seine 25 Wahlmänner. Die Bürger wählen die Wahlmänner, und diese bilden den Electoral College und wählen schließlich den Präsidenten. Bis auf zwei Ausnahmen gilt hier nicht das Verhältniswahlrecht. Aber vom Anfang: jeder Bundesstaat hat eine bestimmte Anzahl Wahlmänner, die im Verhältnis zur Einwohnerzahl steht. Zum Beispiel haben Texas und Kalifornien viele Wahlmänner, weil sie viele Einwohner haben, und Delaware und Vermont wenige. Und wenn nun ein Kandidat mehr Stimmen hat, bekommt er gleich alle Wahlmänner des jeweiligen Bundesstaates. Heißt: wenn es 51 zu 49 Prozent für den einen Kandidaten steht, erhält der alle Stimmen-100%- und der unterlegene gar keine. In den meisten Bundesstaaten ist die Wahl indes schon entschieden: Kalifornien wählt in der Regel den demokratischen Kandidaten, Texas geht traditionell an die Republikaner. Also im Grunde geht es nur um ein paar „swing states“, Unentschlossene.

Wie zum Beispiel Florida. Die Massenmedien nagelten sich während der wahnwitzigen 36 Tage nach der Wahl, von Gerichtsentscheid zu Gerichtsentscheid, auf die Handauszählungen fest. Gore holte auf- bis der Supreme Court ihn stoppte. Doch wie einige Journalisten zu Recht anmerken, hatte der wirkliche Skandal schon Monate vorher nahezu unbeachtet stattgefunden

In Florida dürfen laut Gesetz Verbrecher nicht wählen, bis sie ihre Zeit im Bau abgesessen haben. Das ist auch in einigen anderen Bundesstaaten Praxis. Aber Florida war der erste Staat, der die Aufgabe an einen externen Anbieter, ein kommerzielles, privates Unternehmen abgab. Database heißt die IT-Firma, deren Aufgabe es war, alle Verbrecher, aber auch doppelt registrierte und Verstorbene aus Floridas Wahlregistern zu streichen (Database wurde später zu einem Teil der ChoicePoint Corporation aus Atlanta und ist dort unter dem Namen „DBT Online“ aktiv).

 

Am Wahltag stank es in einigen Countys Floridas nach Rassismus. Schwarze beschwerten sich, man habe ihnen den Zutritt zu Wahllokalen verweigert. Einigen hatte man gesagt, es gebe keine Wahlzettel mehr, andere wurden als „Kriminelle“ abgewiesen. Was war passiert?

Nun, gar nichts. Database-ein Unternehmen mit personellen Verbändelungen mit den Republikanern- hatte getan wie geheißen und eine Liste mit 57,700 nicht mehr wahlberechtigten Personen abgeliefert. Jetzt zu einer kleinen Matheeinheit:

Der offizielle Vorsprung von George W. Bush in Florida betrug 537 Stimmen

54% der aus den Listen gestrichenen Wähler waren Schwarze =31158 Stimmen

Database stritt nicht ab, dass 15% der gestrichenen Wähler „false positives“, also fälschlich gesperrte Wähler waren

Das heißt, 4673 Schwarze wurden fälschlicherweise vom Wählen abgehalten. 80% dieser Schwarzen wären wohl, so Statistiken, zur Wahl gegangen

93 Prozent der afroamerikanischen Stimmen in Florida gingen an Gore!

= mindestens 3400 Stimmen für Gore, die durch falsche Streichungen verlorengingen*

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Innenministerin und Bush-Kampagnenhelferin Harris, Bush-Brüder Jeb (Gouverneur Florida) und George W. (Gouverneur Texas und Republikanischer Kandidat 2000)

Wer war dafür verantwortlich? Katherine Harris, Innenministerin Floridas, der die Wahlabteilung untersteht. Neben ihrer zentralen Funktion bei der Zertifizierung der Wahlergebnisse der Bundesstaates-eine Aufgabe, bei der man Unparteilichkeit erwarten würde-tourte sie noch als Stellvertretende Leiterin des Bush-Teams in Florida für ihren Kandidaten durch Amerika. Der Gouverneur von Florida hieß damals übrigens Jeb Bush- George´s kleiner Bruder**.

John und die Briefwähler

Vor der Wahl deckten Vertreter beider Parteien die Wähler der Counties Seminole und Martin mit Briefwahlanträgen zu, „damit die älteren Herrschaften am Wahltag nicht ihr Golfspiel unterbrechen müssen“, wie die Wahlleiterin eines benachbarten Bezirks witzelt. (Zitat: DIE ZEIT 50/2000). In Seminole ginge 15000 Briefstimmen ein, in Martin County etwa 9700. In Seminole gingen ca. 10000 an Bush, 5000 an Gore; in Martin County erhielt Bush um 6300, Gore nur 3500. Wenn hier etwas Manipulationen im Gange waren, nützten sie Bush. Tagelang genehmigten die Wahlleiter in Seminole und Martin County den Republikanern, durch Formfehler unvollständige Briefstimmen für Bush anhand der öffentlichen Register zu korrigieren. Keine einzige ungültige demokratische Briefwahlstimme wurde nachträglich verändert (illegal nach floridianischem Wahlgesetz). Und so konnten eine unbestimmbare Zahl von eigentlich ungültigen Stimmen gültig gemacht werden- aber nur die für Bush.

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Bush-Cousin John Ellis

Einen psychologischen Vorteil erhielt Bush übrigens bereits in der Wahlnacht, als der Sender FOX NEWS (Republikanisch bis ins Mark: eine Studie fand heraus, dass die Republikaner bei der Wahl 2000 messbar mehr Stimmen erhielten, wenn Fox News kürzlich an das Kabelnetz angeschlossen wurden. Das Project for Excellence in Journalism nannte Fox 2005 als den einseitigsten Fernsehsender) den Republikaner zum Präsidenten kürte. Um 2:16 Uhr morgens wurde diese Entscheidung getroffen, und binnen Minuten folgten die anderen Sender-die Florida bis jetzt als „too close to call“, das Rennen um den sunshine state also als offen eingestuft hatten- wie Lemminge. Die Entscheidung von FOX NEWS kam zu einem seltsamen Zeitpunkt: in den Stunden nach Mitternacht fiel Bushs Stimmenvorsprung in Florida nämlich drastisch, und es gab keinen Grund, anzunehmen, dass Gore nicht mehr gewinnen könne. Nun fragt man sich: „Wieso hat Fox das Rennen dann für entschieden erklärt?“. Die Antwort ist denkbar einfach: bei Fox war für die Wahlberichterstattung kein anderer zuständig als John Ellis, Cousin ersten Grades von George W. und Jeb.  Die Familienbande hatte den ganzen Abend miteinander telefoniert, und sicher nicht offiziell. Wie dem auch sei, dank diesem Wink Gottes (bzw. Rupert Murdochs) konnten die Republikaner die nächsten Wochen über Gore immer als den schlechten Verlierer darstellen, obwohl sie selbst diese Rolle spielten. Karl Rove, Berater Bushs, wunderte sich allerdings nicht- in Amerika ist die politische Agenda des Senders ein offenes Geheimnis-und sagte: „It´s just Fox“.

Recount

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Nachzählung in Florida: Eine Stimme oder doch nur eine Einkerbung?

In den Morgenstunden des achten November, aus der Novemberkühle und dem Schlamm der Everglades, stieg George W. Bush immer noch als Sieger empor. Allerdings mit lächerlichen 1.784 Stimmen Vorsprung- so wenig, dass das Gesetz eine Nachzählung per Hand möglich macht. Die Demokraten jubelten, schließlich waren beim Zahlgang der Maschinen in Florida fast 180.000 Stimmzettel als ungültig aussortiert worden. Hier würden sich für sie die paar hundert entscheidenden Stimmchen finden. Fair waren die Demokraten in diesem Wahlkampf auch nicht, und so suchten sie sich die schönsten Kirschen vom Baum- „cherry-picking“, wie der Amerikaner sagt. Das heißt, sie beantragten Nachzählungen in vier Bezirken, in denen Gore die überwältigende Stimmenmehrheit bekam: Volusia, Broward, Miami-Dade und Palm Beach. Doch es dauerte nicht lang, da wurde klar, dass die „Gorebies“ durchaus das Recht hatten, Nachzählungen zu verlangen:

– in den schwarzen Bezirken von Dade County kosteten alte Stimmgeräte Gore wohl 7000 Stimmen

– in Palm Beach wählten etwa 2500 bis 3000 Bürger wegen eines verwirrenden Stimmzettels den Faschisten Pat Buchanan statt Gore. Der sogenannte „Schmetterlings-Wahlzettel“ wurde weltbekannt und selbst Buchanan-Anhänger gaben an, das Gros der Stimmen sei vermutlich Gore zugedacht gewesen***

Der Miami-Herald gab an, ohne falsch funktionierende Maschinen und eingeschüchterte, afroamerikanische Wähler hätte Gore im Bundesstaat Florida mit rund 23.000 Stimmen Vorsprung gewonnen. Let the recount begin. Und während die Demokraten Tag für Tag aufholen und Amerika diskutiert, wie viele Ecken ausgestochen sein müssen, damit man den Stimmzettel zählen kann, kommt Frustration bei den Bush-Fans auf: da sucht sich Gore einfach seine vier Lieblingsgemeinden und zählt und zählt und zählt bis er gewinnt. Doch untätig bleiben die Republikaner nicht: zusammen mit den Demokraten dürfen sie den Prozess beobachten, und nun tut die Bush-Armada alles, um die Auszählung zu verlangsamen: Wahlkomitees werden vor Gericht gezerrt, Beobachter legen selbst bei Wahlzetteln, die klar und zweifellos eine Gore-Stimme enthalten, Widerspruch ein. In Miami-Dade werden Dutzende Parteiaktivisten angekarrt, die gewaltsam den Zählraum besetzen. Die Wahlleiter müssen unter Polizeischutz rausgeführt werden. Was wie ein Protest der Bürger von Florida aussehen soll, ist ein von langer Hand geplanter Trick: die Bush-Anhänger wurden aus dem ganzen Land eingeflogen, Hotel, Spesen und Co. bezahlt vom Bush-Team.

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Republikanische Parteigrößen in Dade County: die Farce des empörten Bürgers

In einer späteren Phase der Nachzählung erlebten die Wahlhelfer vor Ort, dass republikanische Beobachter systematisch bei jeder sechsten gezählten Gore-Stimme widersprachen, auch wenn es sich um eindeutige Stimmen handelte.

Der Schmetterling, der Gore die Präsidenschaft kostete

Wie oben schon beschrieben, entgingen Gore mehrere tausend Stimmen. Aber von Anfang an: Pat Buchanan ist ein Faschist. Kein Zweifel. Er sagte einmal, im zweiten Weltkrieg hätten die USA auf der falschen Seite gekämpft. In Florida insgesamt erhielt er gerade einmal 17.000 Stimmen. In Palm Beach County erhielt er 3,407 Stimmen. Damit fiel der Bezirk völlig aus dem Rahmen. Palm Beach hatte 2010 etwa 1,3 Millionen Einwohner. In Miami-Dade lebten 2012 etwa 2,5 Millionen Menschen. Hier erhielt Buchanan mickrige 561 Stimmen. In Broward County, wo circa 1,7 Millionen Menschen wohnen, gingen 789 Voten an den Rechtsextremen. Huch! Wieso hat dieser Mann gerade im liberalen West Palm Beach so abgesahnt? Dort, wo viele Schwarze leben und die Altersheime voll sind mit Leuten, die noch ihre Nummer aus Auschwitz auf dem Arm tragen. Da konnte etwas nicht stimmen. Das gab Buchanan selbst zu: (im Interview mit ABC): „Ja, ich habe 3400 Stimmen bekommen. Aber ich stimme auch der Aussage zu, dass darunter viele waren, die sehr wahrscheinlich bis absolut sicher Al Gore zugedacht waren“: Buchanans Wahlkampfchef im Staat Florida ging ebenfalls von höchstens tausend Stimmen für Buchanan aus. Woher kamen diese ominösen Stimmen? Palm Beach benutzte einen besonderen Stimmzettel, bei dem man mit einer Art Stift ein Papierviereck aus einer Lochkarte ausstechen musste. Wollte man für Gore stimmen, musste man das Kästchen neben seinem Namen mit dem Stift ausstechen. Aber weil links und rechts der Löcher Namen standen, war alles versetzt. Heißt: auf der linken Seite stand Gore nach Bush, sprich auf Nummer zwei. Doch dieses Loch gehörte zu Buchanan, der seinen Namen zwischen Gores und Bushs auf der rechten Seiter hatte. Gores Loch war das dritte, nicht das zweite. Ganz schön kompliziert, was?! All dies macht 2407 für Gore. There´s the presidency. Das hat Gore auch die Wahl gekostet. Dazu kommen rund 5.000 overvotes, also Stimmzettel, die ungültig werden, weil mehr als ein Kandidat markiert wurde. Auf 5.000 Stimmzetteln in Palm Beach wurden Buchanan und Gore markiert. Die Erklärung ist einfach: der Gore-Wähler sticht Loch Nr. 2 aus, bemerkt seinen Fehler und sticht dann in Einkerbung Nr. 3, um für Gore zu stimmen.

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Stimmen für Buchanan in Florida: die höchste Anzahl ganz rechts in Palm Beach

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Berühmter Butterfly-Stimmzettel

So kommen wir in Palm Beach auf mindestens 7.000 Stimmen für Gore.

Die Schlacht um die Briefmarke

Eine der letzten großen Schlachten in diesen unwirklichen sechsunddreißig Tage war die um die Briefwahlstimmen aus dem Ausland. In Florida räumt man diesen nämlich noch ein Zeitfenster von zehn Tagen nach der Wahl ein, um anzukommen und gewertet zu werden. Als es sich also in den ersten Tagen nach der Wahl herauskristallisierte dass die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von wenigen hundert Stimmen abhängen würde, konzentrierten sich beide Seiten auf diese Stimmen. Bis zum siebzehnten konnte noch einiges passieren. Die Demokraten, die mit dem Anwärter auf das Amt desVizepräsidenten Joe Lieberman einen Juden nominiert hatten, hofften auf möglichst viele Stimmen liberaler Auslandsamerikaner in Israel. Die Republikaner setzten alles auf die konservativen Kreise des Militärs. Doch die Regeln für Briefwahlstimmen aus dem Ausland (overseas absentee ballots) sind streng, so müssen die Dokumente unter anderem vor oder am Wahltag gestempelt worden sein, die Unterschrift und Datumsangabe eines Zeugen beinhalten und natürlich zehn Tage nach der Wahl angekommen sein. Bereits am achten November bereitete man daher im Innenministerium des sunshine state ein Memorandum vor, in dem noch einmal ausdrücklich um die Anwendung der strengen Richtlinien gedrängt wurde. Katherine Harris, für ihre Bush-Verbindung (s.o.) und ihr arg geschminktes Gesicht berüchtigt und verspottet, bekam das Papier als Chefin der Behörde noch einmal zur Überprüfung. Ganz normal. Wie üblich. 08/15. Standard Operating Procedure. Der oberste Boss liest noch einmal Korrektur, streicht Sätze, fügt andere hinzu, dann wird das Dokument verschickt. Aber dem war diesmal nicht so. Harris ließ es nie veröffentlichen. Es ging aber nicht im allgemeinen Auszählungstumult unter, nein, man darf vermuten, dass man das Memo ganz bewusst verschwinden ließ. Denn es passte nicht zur Strategie, die sich die „Bushies“ ausgedacht hatten und die man treffend nur mit dem Orwellschen Doppeldenk bezeichnen kann: während die Anwälte des texanischen Gouverneurs in Gore-Bezirken für eine strikte Auslegung der Regeln plädierten, setzten sich ihre Kollegen in Counties mit vielen Soldaten in der Bevölkerung für ein möglichst laxes Umgehen mit den Regularien ein.

Dies führte dazu, dass in den von Gore gewonnenen Bezirken „nur“ zwei von zehn Briefstimmen, bei denen jeglicher Hinweise darauf fehlte, dass sie vor oder am 7.11.2000 abgeschickt wurden, akzeptiert wurden. In „Bush-Counties“ wurden sechs von zehn dieser fragwürdigen Formulare. Bush-geführte Bezirke haben viermal öfter Briefstimmen ohne Nachweis eines Zeugen gezählt als dies in Gore-geführten Bezirken geschah. Mit anderen Worten: strittige Stimmzettel wurde gut und gerne gezählt, wenn sie wahrscheinlich für Bush waren, bei sicheren Gore-Stimmen legten die Republikaner ganz andere Maßstäbe an. Nach der Wahl schickten Bushs Kampagnenchefs panische E-Mails an ihre Freunde im Verteidigungsministerium, in dem sie darum baten, man möge die Soldaten doch noch auffordern, ihre Stimmen abzuschicken- obwohl es nach dem siebten November war und die Republikaner wussten,dass sie illegal handelten. Aber es war vielversprechend: in den Soldatenregistern stand nicht nur, wer schwarz und wer weiß ist, sondern auch wer Demokrat und wer Republikaner. Zweifellos würden Bushs Freunde die richtigen auswählen.

Wurden etwa auf Drängen der Republikaner nach dem siebten November noch Briefwahlzettel abgeschickt, obwohl diese ungültig waren. Seltsam:

– Vor dem Wahltag waren 14.415 militärische Auslandsbriefstimmen bereits eingegangen

– zwischen dem achten und dem dreizehnten kamen 446 Soldaten-stimmen an

– zwischen dem dreizehnten und dem sechzehnten nachmittags aber waren es plötzlich 2.129

– und zwischen dem sechzehnten nachmittags und dem siebzehnten kamen 1.158 an

Und das, obwohl die Armee-Post meist schneller ist als die normale.

Fazit: dass in sechs Tag nicht einmal (08.11 bis 13.11) fünfhundert Stimmen ankamen, aber in vier Tagen (14.11-17.11) über dreitausend Stimmen, lässt nur folgenden Schluss zu: die Republikaner haben es tatsächlich geschafft, die GIs zum Abschicken ihrer Wahlzettel zu animieren, obwohl es dafür von Rechts wegen längst zu spät war. Das ist zwar illegal, aber hat dazu geführt, dass 344 Auslandsstimmen gezählt wurden, die keinerlei Beweis dafür enthielten, dass sie vor oder am Wahltag (7.11) versandt wurden. Sie hatten keine Briefmarken darauf, oder diese waren nach dem siebten gestempelt oder illegal. Daneben wurden 336 andere Auslandswahlzettel gezählt, die bei strenger Auslegung der Gesetze als ungültig gewertet worden wären.

Und jetzt der Knüller: ohne die nach dem siebten November gezählten Briefwahlstimmen hätte Gore die Wahl mit 202 Stimmen Vorsprung gewonnen.

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US Supreme Court: Heimspiel für das Bush-Team

Am 8. Dezember kündigte der oberste Gerichtshof Floridas an, dass ALLE ungültigen Stimmen im ganzen Staat, nicht nur in den demokratischen Hochburgen, ausgezählt werden müssen. Die Richter rechnen Gore außerdem einige bereits jetzt zugewonnene Stimmen an. Bushs Vorsprung fällt auf 154 Stimmen zusammen. Gore holt auf…und auf…und auf. Er wird bald die Führung übernehmen…doch nein: „Halt, STOPP“ ruft der US Supreme Court, Amerikas oberster Gerichtshof. Hier hatten die Republikaner Berufung gegen das Florida-Urteil vom 8.12 eingelegt. Der Supreme Court lässt es zu. Die Republikaner im Freudentaumel: hier ist Heimspiel für sie. Denn alle neun Supreme-Court Richter wurden von republikanischen Präsidenten nominiert. Zwei Söhne des Richters Scalia haben Verbindungen zu Anwaltskanzleien, die für Bush arbeiten. Auch die Frau von Richter Thomas ist mit Bush nahestehenden, konservativen Gruppen verbandelt. Und dann ist da noch Sandra Day O Connor. Auf einer Cocktailparty verfolgte sie den Wahlabend. Als gegen acht die Sender Gore als den Sieger in Florida bezeichneten, was gleichzeitig für ihn den Sieg der gesamten Wahl bedeutet hätte, sagte Day O Connor:“Das ist furchtbar“. Sie war alt, wollte in Rente. Aber dass ein Demokrat wie Gore ihren Nachfolger nominieren würde, konnte sie nicht ertragen. Sie wollte Bush im Weißen Haus. Keine Frage. Wie Scalia und Thomas Und Mitte Dezember hatte  die Möglichkeit dazu. Sie wusste, dass Gore auch in der Nachzählung in ganz Florida entschieden aufgeholt hatte. Sie war Richterin am obersten Gerichtshof im legendären Fall Bush v. Gore. Sie brauchte nur dafür zu stimmen, dass die Nachzählung gestoppt wurde, und schon hatte sie ihren Favoriten ins Oval Office katapultiert. Die Argumente, wie etwa, dass die Neuauszählung nicht unter einheitlichen Standards durchgeführt werde und damit das Gleichheitsprinzip der US-Verfassung verletze, waren absurd (Gleiche Zählstandards in einem Land mit 13.000 verschiedenen Wahlgesetzen?!!!) und wurden von bekannten Juraprofessoren längst wonniglich in der Luft zerrissen. Trotzdem: die Nachzählung wurde gestoppt, Bush wurde Präsident.

Heute bereut Sandra Day O´Connor ihre Entscheidung von damals, gab sie im Mai 2013 zu Protokoll. „Vielleicht hätte das Gericht sagen sollen `Wir verhandeln den Fall nicht, basta“

Während des Wahlkampfs benutzte Gore den Song „You ain´t seen nothing yet“ in seinen TV-Spots. Es war Zufall, aber der Titel dieses Liedes sollte sich als prophetisch darstellen. Denn allen, die den  aufgeblasenen US-Showwahlkampf sahen und den Wahltag miterlebten, all jenen konnte man zurufen: „Das war noch gar nichts“.

Anmerkungen

Die Wetterlage kann im Internet beim National Weather Service eingesehen werden (http://www.erh.noaa.gov/lwx/Historic_Events/Inauguration/Inauguration.html)

Der Text des Schwures ist vorgegeben und daher immer gleich, Aufnahmen von Bush während der Amtseinführung können auf youtube eingesehen werden, so zum Beispiel (https://www.youtube.com/watch?v=2PDyXgHCoHA)

Eine informative Biographie Bushs auf der Webseite der Stiftung
Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland

Michael Moore nimmt die Vorgänge in „Stupid White Men“ unter die Lupe,

*hierbei werden die nicht-schwarzen, fälschlich aus den Listen gestrichenen Wähler gar nicht erst berücksichtigt. Da es sich bei ihnen um oft ärmere Ex-Häftlinge handelt, waren auch sie wahrscheinliche Gore-Wähler. Meinen Berechnungen zufolge hätte Gore unterm Strich 5000-6000 Stimmen hinzugewonnen, wäre die Liste korrekt gewesen.

Die Quellen für die Briefwahlstory sind Gerichtsdokumente (Taylor v.Martin County), ein Artikel aus der ZEIT (Ausgabe 50/2000) (http://www.zeit.de/2000/50/200050_usa.xml) und New York Times (http://www.nytimes.com/2000/11/21/us/counting-vote-seminole-county-15000-absentee-ballots-stake-lawsuit-gains.html)

Für die Studie zu FOX: The Fox News Effect: Media Bias and Voting von

Stefano DellaVigna, UC Berkeley and NBER und

Ethan Kaplan, IIES, Stockholm University

(vom 30.3.2006)

 

Zur PEJ-Entscheidung: http://www.sourcewatch.org/index.php/Fox#Ties_to_Republicans

Details der Story unter Elements of a conspiracy: How Bush’s man at Fox News worked to shape the outcome of the US election, wsws.org, 17.11.2000

 

** Nach einem Einkaufstrip nach Paris jettete die bezaubernde Gattin des Jeb mit Schmuck und Kleidung im Wert von 19000$ nach Hause, ohne aber dem Zoll etwas zu sagen. (St. Petersburg Times, 22.6.99 http://www.sptimes.com/News/62299/State/Gov_Bush_says_his_wif.shtml). Laura Bush, George W.s Ehefrau, übersah mit siebzehn ein Stoppschild und verursachte einen Crash, der für einen Freund von ihr in einem anderen Wagen tödlich verlief (http://usatoday30.usatoday.com/news/e98/e1698.htm) Ihr Mann, der acht Jahre lang der Anführer der freien Welt war, kennt man als Alkoholiker. Über seine (heute überwundene) Sucht sagt er: „It became a love“. Er berichtet davon, wie er-blau, versteht sich- bei einer Familienfeier eine ältere Freundin seiner Eltern fragte: „Wie ist Sex nach dem fünfzigsten?“ (http://www.people.com/people/article/0,,20439256,00.html) Klar, und Anhaltspunkte für eine Drogeneinnahme gibt es auch, aber Bush hat die Gerüchte gut im Zaum gehalten ( http://www.huffingtonpost.com/john-seery/the-bush-cocaine-chronicl_b_37786.html) Und gut, wir wissen, warum er unbedingt zur Texas National Air Guard wollte, als er 1968 Yale verließ: um sein Risiko, nach Vietnam geschickt zu werden. Und so weiter und so fort. Ein kleiner Einblick in Bushs Familienleben.

Katherine Harris gab während ihrer Amtszeit seeeeeeeeeeehr viel Geld für Dienstreisen aus und zögerte nicht, auch bei illegalen Spendenangeboten hinzulangen (http://www.nationalcorruptionindex.org/pages/profile.php?profile_id=44)

*** Palm Beach hat viele jüdische (auch Holocaust-Überlebende) und schwarze Einwohner, die wohl kaum jemanden wählen würden, der Hitler einen „großartigen Mann“ nennt. In vergleichbaren Counties erhielt Buchanan jeweils nur einige hundert Stimmen.

Die Quellen für das Buchanan Interview, die Palm Beach Story  die gekauften Demonstranten in Dade (hier auch DIE ZEIT 50/2000) und einige Details der Briefwahlstory stammen aus Jake Tappers „Down and Dirty: The Plot to steal the presidency“

Die Briefwahlstory wurde aber auch exzellent von der New York Times nach einem halben Jahr Recherche beschrieben http://www.nytimes.com/2001/07/15/us/examining-the-vote-how-bush-took-florida-mining-the-overseas-absentee-vote.html?pagewanted=all&src=pm (NYT 15.7.2000)

Und  „Did Illegal Overseas Absentee Ballots Decide the 2000 U.S. Presidential Election?” unter http://imai.princeton.edu/research/files/ballots.pdf

Die 7.000 Stimmen in Dade kommen aus http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/abpfiff-in-florida (Der Freitag, 8. 12.2000)

23.000 Stimmen Vorsprung für Gore: siehe DER SPIEGEL 50/2000 „Gnadengesuch erhört“

Siehe auch die SPIEGEL-Chronologie des Wahldramas: http://www.spiegel.de/politik/ausland/chronologie-us-wahlstreit-die-unendliche-geschichte-a-107458.html

Über die Verbindungen der US-Bundesrichter zu Bush siehe CNN 12.12.00 http://archives.cnn.com/2000/LAW/12/12/supreme.court.conflict/ Newsweek, 24.12.00 http://www.thedailybeast.com/newsweek/2000/12/24/the-truth-behind-the-pillars.html und NYT 12.12.00 http://www.commondreams.org/headlines/121200-02.htm

Sandra Day O´Connors Reue The New Yorker, 7.5.13 http://www.newyorker.com/online/blogs/comment/2013/05/sandra-day-oconnor-shift-on-bush-v-gore.html

Über Gores Musikauswahl berichtete ABC http://abcnews.go.com/Politics/story?id=123115&page=1

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