Rezension: Die Akte Kissinger

Am 15. Juni 2011 starb Christopher Hitchens an Krebs, den er bis zuletzt auch mit schwarzem Humor bekämpfte (so die regelmäßigen Berichte über den Verlauf der Krankheit in Vanity Fair und zwar nicht überlebte, aber trotzdem besiegte. 2011, das war eine Dekade nach der Veröffentlichung eines seiner wichtigsten Werke, der Beginn seiner gedruckten Demontagen öffentlicher Personen wie Mutter Theresa oder Bill Clinton. 2001 wurde „The Trial of Henry Kissinger“ (dt. „Die Akte Kissinger“) veröffentlicht, seine Breitseite gegen den Ex-US-Außenminister und früheren amerikanischen Nationalen Sicherheitsberater.

Henry_Kissinger Kissinger (1975)

Kissinger-ein Kriegsverbrecher ?

Am 27.Mai 1923 wird Heinz Alfred Kissinger im mittelfränkischen Fürth geboren. Als Kind jüdischer Abstammung, dessen Familie 1938 vor den Nazis floh und der mehrere Angehörige in der NS-Zeit verlor, hätte er als unschuldiges Opfer gelten können. Tatsächlich wurde er Opfer der entsetzlichen NS-Rassenpolitik, doch als US-Regierungsbeamter, der steinharte Realpolitik gegen Menschlichkeit umsetzte, machte er sich zum (Mit)täter. Hitchens geht sogar soweit, zu sagen, dass die vorliegenden Beweise problemlos für eine Verurteilung als Kriegsverbrecher ausreichend wären. Tatsächlich ist die Faktenfülle, die Hitchens präsentiert, beeindruckend und entsetzlich, sie zeigt Kissinger als Strippenzieher; als Mann, der zwar für den Vietnam-Frieden des Jahres 1972 den Friedensnobelpreis erhielt, den Krieg aber im Wahlkampf 1968 aus taktischen Gründen künstlich am Leben gehalten hatte, den Mann, der den Genozid in Pakistan 1971 als „innere Angelegenheit eines souveränen Staates“ deklarierte und diejenigen Mitarbeiter bestrafte, die ihm widersprachen. Als Außenminister, der chilenische Putschisten aufrüstete, um Allende um jeden Preis loszuwerden, der zusah und nicht eingriff, als die griechische Militärjunta 1974 die zypriotische Regierung stürzte, der einen Tag vor dem Beginn der blutigen Eroberung Osttimors durch Indonesien 1975 in Jakarta weilte und behauptete, nur am Flughafen kurz über die bevorstehende Operation informiert worden zu sein.

Kissinger- Wort und Tat

Ein Einzelaspekt, der an Hitchens Buch besonders zu würdigen ist, ist seine Zurschaustellung  von Kissingers Memoiren als billigem Machwerk voller Auslassungen und Fehlinformationen: steht in diesen Memoiren etwas über Kissinger unangenehme Themen, dann ist dies meist unrichtig, Hitchens belegt dies an eindeutigen Gesprächsprotokollen der Nixon-Zeit; und vieles lässt der alte Herr schlichtweg aus, so zum Beispiel die Osttimor-Affäre. Und während der US-Reporter Allan Nairn, der selbst ein indonesischer Massaker überlebte, auf einer PR-Veranstaltung mit dem Ex-Außenminister eine Masse von Beweisen für Kissingers Mitschuld an diesen Verbrechen aufzeigt, weiß der ältere Angegriffenen nur folgendes zu antworten: Nairn sei „besessen“. Eine andrere Episode belegt das allgemeine Verständnis in der US-Bevölkerung, Kissinger sei an der Bombardierung Kambodschas mit vielen zivilen Toten hauptschuldig (und damit belegt die Story auch, dass Hitchen’s Etikett „Kriegsverbrecher“ den meisten Amerikaner keineswegs abwegig erscheinen dürfte): Im Dezember 1998 wird Michael Korda, Verleger bei Simon & Schuster, der gerade über Cher spricht, als seine Sekretärin sich meldet, um ihn aufzufordern Kissinger – den eifrigen Memoirenschreiber- anzurufen, interviewt. Und so ist es von einer Kamera festgehalten, wie Korda Kissingers komplizierte Nummer ins Telefon tippt und witzelt, Kissingers Nummer sollte einfach „1800-BOMB-CAMBODIA“ (1800-Bombardiert-Kambodscha) heißen. Im Büro von Simon & Schuster wird herzlich gelacht.

Hitchens hat zahllose Belege für Kissingers Schuld zusammengetragen, und dieses Buch wird niemals an Aktualität einbüßen, aus folgendem Grund: mag es auch ein Pamphlet gegen einen einzelnen Politiker sein, es beschreibt auch das Dilemma der Realpolitik einer Supermacht, in der strategische Bündnisse oft auf Kosten von Menschenrechten gehen, und andererseits die Kaltschnäuzigkeit, mit der schließlich aus wirtschaftlichem oder machtpolitischem Kalkül die hochtrabenden moralischen Ansprüche der „greatest democracy of the world“ aufgegeben werden.

Schließlich ist es auch der Verdienst von Christopher Hitchens, dass sich nun vermehrt kritische Stimmen melden, wenn die Universität Bonn ihren neuen Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Völkerrecht nach Kissinger benennen will. Der Lack ist ab, keine Frage

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