Der letzte der Ungerechten

Claude Lanzmann „Der letzte der Ungerechten“ („Le dernier des injustes“)

Deutsche Erstaufführung im Beisein von Claude Lanzmann am 24. November um 14 Uhr im Kino Arsenal (Berlin)

Bereits gezeigt am 12. Oktober im Rahmen der luso-französischen Filmtage 2013 im Cinema Sao Jorge, Lissabon, Portugal

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Lanzmann (li.) und Murmelstein in Rom 1975

Es ist kein leichter Happen, der neue Film von Claude Lanzmann, dem Regisseur des Holocaust-Dokudramas  Shoah (Dauer 9,5 Stunden). Der knapp vierstündige Dokumentarfilm heißt „ Le dernier des injustes“, eine ironische Selbstbezeichnung von Benjamin Murmelstein. Murmelstein war der letzte- und einzige überlebende- Judenälteste des Ghettos Theresienstadt.

Als Lanzmann den Film Mitte Oktober in Portugal vorstellt, witzelt er: „Es gibt drei Darsteller. Claude Lanzmann, Benjamin Murmelstein und Claude Lanzmann“. Tatsächlich treten in diesem Film zwei Lanzmanns auf. Der erste stammt aus 1975, als er für eine Woche nach Rom reiste und Murmelstein stundenlang interviewte. Der zweite, von heute.

Wer war Murmelstein? Kollaborateur oder Retter? Das ist die Grundfrage dieses Films. Lanzmann hat sie für sich längst beantwortet: Held. 120.000 österreichische Juden konnten unter seiner Anleitung aus Deutschland abreisen- Murmelstein organisierte die Eichmannsche Zwangsemigration. Eichmann, der Schreibtischtäter. Murmelstein widerspricht heftig, nennt Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ Unfug. Eichmann habe persönlich im Novemberpogrom jüdische Einrichtungen demoliert.

In Terezin dann arbeitet der Judenälteste Murmelstein an der Produktion eines verharmlosenden Propagandafetzens. Dies brachte ihm große Kritik ein. Doch ohne einen imponierenden Werbestreifen, sagt er, wäre das Lager früh schon geräumt worden, die Bewohner deportiert und größtenteils verlagert. Wen er habe retten wollen durch die Kollaboration? Sich, und das, sagt Murmelstein habe auch das Lager gerettet. Oder: dadurch, dass er sich schützte, schützte er die anderen.

Lanzmanns Interview dauerte am Ende elf Stunden. Er stellt Murmelstein jede Frage, und dieser beantwortet auch jede – inklusive derer, die auf schärfste kritisch sind. Diese Offenheit scheint streckenweise eine reinigende Wirkung auf Lanzmann zu haben. Das Wissen um die Bereitschaft des Gegenübers, alle Karten aus einer schrecklichen Zeit auf den Tisch zu legen, beeindruckt Lanzmann und schafft eine einzigartige, seltsam vertrauliche Bindung zwischen den beiden Männern. Der Film ist auch Abbild eines  zwischenmenschlichen Prozesses, nämlich der Entwicklung der Beziehung Lanzmann/Murmelstein.  Am Ende des Filmes ist die Ehrenhaftigkeit Murmelsteins aus Sicht des Regisseurs Lanzmann denn auch so weit bewiesen, dass der Mensch Lanzmann sich mit Murmelstein am Forum Romanum schlendernd zeigen kann. Auf den israelischen Historiker Gershom Scholem – der das Erhängen Murmelsteins forderte – angesprochen, spricht Murmelstein einen Satz aus, der die Komplexität des Themas Judenälteste großartig zusammenfasst und gleichzeitig eine universelle Weisheit ist, die für alle anderen „letzten Ungerechten“ gilt: Die Menschen, sagt Murmelstein, dürften ihn ruhig verurteilen, sich aber nicht anmaßen, über ihn zu richten.

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