Citizenfour: Filmrezension

Die E-Mails sind kryptisch, einsilbig, verschlüsselt. Der Autor sagt nur, er sei ein hochrangiger Mitarbeiter der amerikanischen Nachrichtendienste. Er nennt sich selbst „Citizenfour“, Staatsbürger Nummer 4.

Er nimmt Kontakt auf zu einer Frau, von der er weiß, dass sie sein Anliegen verstehen wird. Laura Poitras, amerikanische Dokumentarfilmerin, die in ihren Werken immer wieder den Angriff der US-Regierung auf die Bürgerrechte nach 9/11 kritisiert. Für einen Bericht über den Irakkrieg landet sie auf einer „Watchlist“ der US-Behörden, seitdem wird sie an Flughäfen immer wieder verschärften Kontrollen und Vernehmungen unterzogen.

Poitras arbeitete damals zur Zeit bereits an einem Film über die Überwachungspraktiken der USA, nachdem sie in „My Country, My Country“ den Irak-Feldzug der Bush-Regierung aufgearbeitet hatte und in „The Oath“ die Menschenrechtsverletzungen im Gefangengenlager Guantánamo.

Im Juni 2013 kommt es dann zu einem Treffen in Hongkong. Poitras erscheint in Begleitung eines weiteren Journalisten, Glenn Greenwald, der ebenfalls für seine Kritik an den Maßnahmen des „Krieges gegen den Terror“ bekannt ist.

Der Informant gibt genaue Angaben, wie in einem Spionagethriller: in einem Hotelflur sollten sie sich treffen, er werde einen Zauberwürfel in der Hand haben, Losungen werden festgelegt.

Der Mann ist Edward Snowden. Noch kennt die Welt seinen Namen nicht. Doch in wenigen Wochen wird er zum Gejagten werden, zum Staatsfeind einer Supermacht, ein 29-Jähriger Informatiker aus North Carolina.

Was Citizenfour so bemerkenswert macht, ist die geniale Mischung aus einer Beschreibung der Auswirkungen der NSA-Abhörprogramme auf der Metaebene, und gleichzeitig der sehr persönlichen Story des Edward Snowden, des tragischen Helden. Poitras schafft es, den Zuschauer für die enormen Risiken zu sensibilisieren, die die entfesselte Staatsmacht mit sich bringt, sie belegt überzeugend, wie die massenhafte Datensammlung die demokratischen Grundprinzipien untergräbt. Was passiert, wenn wirkliche Demokratiefeinde an die Macht kämen. Sie könnten die technischen Meisterleistungen der Geheimdienstler so einfach missbrauchen: um Kritiker zu überwachen, zu orten, auszuschalten. Wobei man sich fragt, ob das wirklich ein Missbrauch dieser Fähigkeiten wäre, oder nicht sogar von den Entwicklern vorgesehen.

Und auf der anderen Seite ist da dieses sehr intime Porträt des Whistleblowers, des Phantoms, dessen Namen die ganze Welt kennt und den Mensch dahinter doch nie gesehen hat. Poitras versucht gar nicht erst, so zu tun, als ob es eine Distanz zwischen ihr und Snowden gäbe, von vornherein ist klar: diesen Weg gehen wir gemeinsam. Auch das Publikum lässt sich von der Dramaturgie des Kammerspiels in einem Hongkonger Hotelzimmer mitreißen. Die Frage: wann zeigt sich Snowden. Die Reaktionen der Journalisten, als sie beginnen, das Ausmaß der Ausspähprogramme zu erahnen. Snowden, wie er erfährt, dass die Sicherheitsbehörden seine Freundin befragt haben. Und die Paranoia, die ständige Angst. Snowden, wie er sich, um ein Passwort zu schützen, eine Decke über Kopf und Laptop stülpt.

Die Geschichte, die Citizenfour erzählt, ist beileibe nicht neu. Doch sie ist noch nie so intensiv und nah, so dramatisch und aufrüttelnd erzählt worden. Es ist wirklich ein hervorragender Film, einer, der zeigt, wie Geschichte geschrieben wird, einer, der dank eines schnellen Schnittes wie ein Thriller wirkt, einer, der nicht zuletzt auch durch die messerscharfen Analysen der Affäre durch die Beteiligten überzeugt: Menschen wie William Binney, einem NSA-Whistleblower aus früheren Tagen, oder dem Netzaktivisten Jacob Applebaum, die uns deutlich aufzeigen, welche Freiheiten wir aufgeben für die Illusion von Sicherheit. Ein must-see

Webseite: https://citizenfourfilm.com/

Bildquelle:

Laura Poitras / Praxis Films
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